Hamburg

Was glauben Sie denn, mit wem Sie reden!" – "Haben Sie’s nun begriffen?" – "Reden Sie doch nicht so einen Kohl!" Kernsätze dieser Art finden sich in den Notizen, die zwei Psychologen der Hamburger Univeisität in hanseatischen Strafgerichtssälen gemacht haben. Der Umgang deutscher Richter mit Angeklagten und Prozeßparteien war seit Tucholskys Zeiten immer wieder Gegenstand heftiger Kritik von Gerichtsberichterstattern, zuweilen auch von Angehörigen der Dritten Gewalt selbst. Aber die Kritik beschränkte sich auf Einzelfälle, auf Beobachtungen in meist spektakulärer. Kriminalprozessen. Sie erlaubte es der Justiz, jeden Schluß auf ihr Allgemeinbefinden als böswilliges Pauschalurteil abzutun.

Die beiden Psychologen haben jetzt mit der Beobachtung des Verhaltens von achtzehn Richtern im Alter zwischen 32 und 65 Jahren einen ersten Ansatz zur systematischen Befunderhebung gemacht. Ihre Testfrage: Zeigen Richter in öffentlichen Gerichtsverhandlungen gegenüber Angeklagten Achtung, Takt und Höflichkeit? fand eine eher deprimierende Antwort. Der Mann am Richtertisch, eingehüllt in die schwarze Rose und über sich selbst erhoben von der Machtfülle seines Amtes, neigt noch immer zu Arroganz und Herablassung gegenüber dem kleinen Delinquenten, der in der doppelten Furcht vor der Strafe und dem Strafgewaltigen alles über sich ergehen läßt.

Der Stil des Richtens als äußere Darstellung des inneren Prozeß Vorganges, der auf die Wahrheit zielt oder es doch soll, prägt das Gesicht der Justiz in der Öffentlichkeit. Dieser Stil ist weitgehend bestimmt vom geistigen Niveau des Richters, von seinem menschlichen Format und seinem Verständnis für die Funktion des Verhandlungsleiters.

Es klingt zynisch, aber es ist wahr: Die am stärksten stilprägende Wirkung auf die Strafjustiz ist in den letzten Jahren von den Demonstrantenprozessen und schließlich von den Verfahren gegen Mitglieder der Baader-Meinhof-Gruppe ausgegangen. Es begann mit der Ironisierung leerer Formalismen durch die Angeklagten und erreichte seinen Höhepunkt mit der totalen Negation der ganzen justitiellen Prozedur. Die Reaktion ist bemerkenswert und resultiert gewiß zu einem guten Teil aus Verunsicherung: Die Revolutionäre werden vor ihren Tribunalen höflicher und korrekter behandelt als gewöhnliche, vor dem Richter unterwürfige Kriminelle.

Es wäre zu wünschen, daß die Erschütterung des obrigkeitlichen Selbstverständnisses der Dritten Gewalt bald allen zugute kommt, die sich vor ihr verantworten müssen. Burchikosität und Selbstüberhebung am Richtertisch, eine sich anbiedernde Sprache gleichermaßen wie hoheitsvolles Pathos oder Temperamentsausbrüche im Kasernenhofton erniedrigen letztlich weniger das wehrlose Opfer als die Staatsgewalt, der es unterworfen ist. Hans Schueler