Nun hat auch die Homosexualität Eingang in die Sportliteratur gefunden; nach allem, was aus dem Intim-Bereich mancher Spitzensportler nach außen gedrungen ist, gewiß kein fiktives Thema. Es ist kein Zufall, daß dieser Roman in den USA erschien. Die Welt weiß seit Kinsey und die Zahlen sind ziemlich konstant geblieben: rund 10 Prozent aller amerikanischen Männer unterhalten im Laufe ihres Lebens homosexuelle Beziehungen. Das Problem rumort seit vielen Jahren im Unterbewußtsein der Nation und kontrastiert mit den Leitbildern amerikanischer Sportfunktionäre. Ein Sportler, ein Spitzensportler zumal, das bedeutet auch heute noch: kurzgeschnittenes Haar, solide Lebensführung, sauberer Trainingsanzug und saubere moralische Einstellung. Ein homosexueller Olympiasieger? Undenkbar, er würde Amerikas Selbstverständnis vermutlich ebenso erschüttern wie die Entdeckung, von einem homosexuellen Präsidenten regiert zu werden.

Die Autorin, selbst Langstreckenläuferin, Redaktionsmitglied der angesehenen Fachzeitschrift "Runner’s World" und Mitglied einer Gruppe von Frauen, die den konservativen US-Leichtathletikverband (Amateur Athletic Union) zu einer Änderung seiner diskriminierenden Vereinspolitik zwang, widmete das Buch "allen Athleten, die für Menschenrechte im Sport gekämpft haben, und jenem jungen homosexuellen Läufer, den ich auf einer Party traf und der mir die Idee für dieses Buch gab". Es wird – so heißt es im Klappentext – "überall in der Welt gelesen, diskutiert und zu Herzen genommen werden". Das mag sein, noch aber schweigt sich zumindest die amerikanische Literaturkritik über die Neuerscheinung aus.

Die Homosexuellen-Love-Story spielt vor dem Hintergrund der Olympischen Spiele in Montreal. Im Mittelpunkt steht Harlan Brown, Ende 30, ehemals guter Leichtathlet, jetzt Coach eines namenlosen Teams an einem kleinen, obskuren College im New Yorker Hinterland. Eines Tages, im Herbst 1974, wird sein ruhiges und bequemes Leben jäh unterbrochen durch die Ankunft des brillanten, jungen 5000-Meter-Läufers Billy Sive, der wegen homosexueller Aktivitäten von einem der berühmtesten College-Teams des Landes gefeuert wurde. Wegen gleicher "Verfehlungen" war auch der einstige Star-Trainer Harlan vor Jahren in die Provinz gegangen. Er merkt sofort, daß Sive Olympia-Format hat und beschließt nach langem Zögern, sein Coach zu werden. Die mit den Mitteln der Sprache ungemein intensiv dargestellten erotischen Beziehungen dieser beiden Männer, ihr verzweifelter Kampf gegen eine Wand gesellschaftlicher Vorurteile, die Liebe fürs Detail und viel Sachkenntnis verratende Schilderung der Trainingsmühsal und der Qualifikationshindernisse auf dem Wege nach Montreal, schließlich der dramatische und erschütternde Höhepunkt, als Billy Sive im 5000-Meter-Endlauf von einem Psychopathen erschossen wird, bilden eine fesselnde Lektüre und sichern dem Buch einen festen Platz in der kleinen Rubrik anspruchsvoller Sport-Belletristik.

The Front Runner von Patricia Neil Warren, erschienen 1974 im Verlag William Morrow und Co, New York; 346 Seiten, Preis: Dollar 7.95