Von Klaus-Peter Schmid

Paris, im August

Als sich Valery Giscard d’Estaing während des jüngsten Wahlkampfes der Presse stellte, brachte ihn eine gewitzte Journalistin in arge Verlegenheit. Ihre maliziöse Frage: "Was kostet eine Fahrt mit der Pariser Metro?" Natürlich hatte Kandidat Giscard keine Ahnung. Und natürlich verbuchte Françoise Giroud, Direktorin des Magazins L’Express, mit ihrer Frage einen großen Publikumserfolg. Doch offensichtlich hat ihr der Staatspräsident die kleine Boshaftigkeit nicht nachgetragen: Françoise Giroud ist heute Giscards Staatssekretärin für Frauenfragen – und mit der Metro fährt sie genauso wenig wie der Präsident.

"Wenn ich es genau überlege, ist es gut, daß ich kein Staatssekretär für Frauenfragen bin. Ich hätte zu viele Leute aufgeschreckt." Das schrieb Madame Giroud am 17. Juni im L’Express. Der erste Anlauf zu einem Amt in der neuen Regierung war gerade gescheitert, weil Premierminister Chirac der energischen Dame nicht die gewünschten Kompetenzen zugestanden hatte. Entrüstet mokierte sich die Umworbene: "In vierzehn Tagen wird er mich noch bitten, mein Büro in der Küche des Hotel Matignon einzurichten und für seine Kollegen von der UDR Kaffee zu kochen."

Doch Giscard wollte die Starschreiberin, die zur Wahl von François Mitterand aufgerufen hatte, unbedingt in seiner Equipe haben. Am 16. Juli hatte er es geschafft. Françoise Girouds schmeichelhafte Dankadresse auf dem Titelblatt des Express: "Er meinte es also ernst. Giscard d’Estaing weiß, was er will..."

Von Madame le Ministre behaupten manche Leute seitdem das Gegenteil. Sogar der konservative Figaro stutzte: "Im Grunde versteht man das alles nicht mehr ganz." Doch Françoise Giroud beunruhigt das wenig. Denn sie hatte das Gefühl, dies sei "der richtige Augenblick, um etwas zu tun, um die Lebensbedingungen der Frauen umzugestalten, zu verbessern." Für die langerprobte Journalistin ist das neue Amt ohnehin kein neues Ziel, allenfalls eine neue Optik.

Politische Ambitionen, so schrieb sie vor zwei Jahren, seien ihr völlig fremd. Dazu steht sie nach wie vor. Ihre Erläuterung: "Früher war ich sicher ehrgeizig, jetzt habe ich die Ambition, die Dinge voranzutreiben, wenn ich es kann." Am nötigen Selbstbewußtsein fehlt es, ihr gewiß nicht. "Man hält mich nicht für einen Amateur", versichert sie so, als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt; Auch als Journalistin habe sie Einfluß gehabt, auf die Leser wie auf die Regierenden. "Niemand kennt den Namen des französischen Regierungschefs zur Zeit der Affäre Dreyfus, doch alle kennen Zola", schrieb sie einmal im L’Epress. Doch letztlich müsse man doch "im Innern der Macht" stehen – und vor allem im richtigen Augenblick.