Von Wolfram Siebeck

Wenn in den letzten Juniwochen Melancholie einsetzt, wenn der Juli von Depressionen und düsteren Ahnungen überschattet wird und wir den August knapp und nur fiebergeschüttelt überstehen, dann sind wir mit der Erklärung schnell bei der zittrigen Hand: Urlaub. Der Kostenvoranschlag im Juni macht melancholisch, im Juli gehen die Nachrichten aus dem Urlausbgebiet (Streik, Cholera, Überschwemmungen) aufs Gemüt, und der Urlaub selbst verursacht im akuten Stadium auch beim Routinier immer wieder Gastritis, Sonnenbrand und Durchfall sowie ein weiteres Dutzend Abarten dieser Ferien-Accessoires, von denen jede einzelne den Urlauber in die Klapsmühle bringen kann.

Doch was ist mit mir? Ich fahre nicht in Urlaub, jedenfalls nicht im Juni, Juli, August; und doch senkt Melancholie sich bleiern auf mein Gemüt, und gestern verlor ich ein Schlüsselbund. (Heute wiedergefunden.)

Was die Schlüssel mit meinem Gemüt zu tun haben, berichtete kürzlich Medizin heute, das Gesundheitsmagazin der deutschen Ärzteschaft: Ein Forschungsteam hat herausgefunden, daß unsere Gemütsverfassung nicht mit den Jahreszeiten im Einklang steht. Unser Seelenleben eilt dem Kalender um fast vier Monate voraus. Jetzt, bedeutet das, herrscht in uns November, und bereits in drei Wochen beginnt der seelische Winter. Das ist die Zeit, in der, laut Medizin heute, die meisten Schlüssel verloren und die wenigsten Fahrprüfungen bestanden werden.

Stimmt; der Schlüssel, den ich gestern verlor, war der Autoschlüssel. Typisch November. Aber nun kommt das Sonderbare: Ich verliere meine Autoschlüssel auch im Januar, dem seelischen Frühling, und sogar zwischen März und Mai. In diesen Monaten erreichen aber die Menschen den Jahreshöhepunkt an sommerlicher Aktivität. Meine Aktivität im März besteht jedoch vorwiegend darin, daß ich den Autoschlüssel suche. Also Verzweiflung und Depressionen, wo ich Sommerlich froh gestimmt sein müßte.

Das wirft die Frage auf: Wieso muß ich? Im Sommer ist es heiß; Mücken stechen, Starfighter knallen, und der Anblick schwitzender Mitmenschen ist besonders abscheulich. Es stimmt mich gar nicht froh, wenn unzählige dicke Schmeißfliegen auf der Suche nach einem Fliegenklo durch die Küche brummen. Schöner finde ich es, wenn im November herbstlich-kühle Schauertätigkeit die Überbevölkerung weniger sichtbar werden läßt.

Um es deutlicher zu sagen: Hinter einer Hügelkette nur knapp zwei Kilometer von hier entmer 5000 Menschen, die, weil sie Medizin heute nicht lesen, nichts von der Verschiebung ihrer Gemütslage wissen. Sie fühlen sich auf dem Höhepunkt ihrer Aktivität und leiten ihre Fäkalien ungeklärt in den See, in dem sie täglich schwimmen.

Es sind noch drei Monate bis zum Kalender-November. Aber mit Gottes Hilfe werden wir sie überstehen.