Von Dietrich Strothmann

Israel tut sich nach so vielen Enttäuschungen noch immer schwer, das scheinbar Unmögliche für möglich zu halten: daß Ägyptens Präsident Sadat und Jordaniens König Hussein, daß vielleicht sogar die Syrer und die gemäßigten Palästinenser nicht länger die Vernichtung des Staates der Juden wollen, sondern Frieden mit ihnen anstreben. Die Israelis zweifeln: Halten die Abmachungen mit den Arabern, auch wenn deren Führer nicht mehr an der Macht sein sollten? Dürfen wir auf einen Sadat, einen Hussein setzen, die sich so weit vorgewagt haben, daß sie jederzeit von ihren lauernden Widersachern liquidiert werden können? Wer verbürgt uns, daß ein Yassir Arafat, wenn er erst einmal seinen Palästina-Staat in Westjordanien zugesprochen bekommt, daraus keine Freischärlerbasis an unserer Ostgrenze macht? Und wer garantiert dann unsere Sicherheit – die Großmächte, die Vereinten Nationen, die stets zu spät kamen?

Trotz solcher Zweifel hat in Israel, unter dem Zwang der Entspannungsereignisse am Suezkanal und auf den Golanhöhen, ein Prozeß des Umdenkens begonnen:

1. Jerusalem erkennt, was Golda Meir noch strikt geleugnet hat, die Existenz eines palästinensischen Volkes an.

2. Nach dem Gespräch des israelischen Außenministers Allon mit seinem Amtskollegen Kissinger in Washington beharrt Jerusalem auch nicht mehr darauf, erst mit Kairo weiterzuverhandeln. Nach den Vereinbarungen mit Ägypten und Syrien soll nun doch ein Truppentrennungsvertrag mit Jordanien ausgehandelt werden.

Dazu sind die Bedingungen gegenwärtig auch günstig: Sadat hat sich, vom einflußreichen saudiarabischen König Feisal unterstützt, mit Hussein darüber geeinigt, daß Jordanien bei der nächsten Genfer Konferenz die auf beiden Ufern des Jordans lebenden Palästinenser vertritt. An dieser Einigung hatte Washington sicher einen erheblichen Anteil. Arafat andererseits, der Chef der Palästinensischen Befreiungsfront, erhielt in Moskau nicht das gewünschte Plazet, auch im sowjetischen Namen für alle Palästinenser sprechen und handeln zu können.

Freilich liegt – wie immer im Fall dieser krisengeschüttelten Region und vor kritischen Verhandlungen – der Verdacht nahe, daß es sich dabei lediglich um marginale, nicht aber um substantielle Veränderungen handelt. Die Bombenanschläge der radikalen palästinensischen "Volksfront" Habaschs in Paris, die düsteren Voraussagen des israelischen Verteidigungsministers Peres über die Anzeichen eines Kriegsausbruchs noch in diesem Jahr markieren die Kehrseite einer vermeintlich hoffnungsvollen Fortentwicklung der Entspannung im Nahen Osten. Dazu kommt, wenige. Monate vor der zweiten Gesprächsrunde in Genf, die Lähmung Washingtons durch Watergate. Mit wieviel Autorität eigentlich kann Henry Kissinger demnächst mit dem ägyptischen Außenminister, dem jordanischen König und dessen Ministerpräsidenten, zuletzt auch, mit dem avisierten Abgesandten aus Damaskus verhandeln? Würde etwa Nixons Fall selbst einer, zaghaften israelisch-arabischen Annäherung ein jähes Ende bereiten? Wäre dann Kissinger, so stünde zu fürchten, nur; bis zum Kanal gekommen?