Peter Glotz, seit wenigen Wochen Staatssekretär im Bonner Bildungsministerium und zuständig vor allem für Universitäten und auch für Forschungsprobleme, versteht die Hochschulwelt nicht mehr: "Ich habe erhebliche Zweifel", so sagt er, "ob die Universitäten ihre Forschung an einer übergeordneten Planung und erst recht an konkreten Bedürfnissen der Gesellschaft ausrichten."

Den Staatssekretär irritiert ein in der Tat ungewöhnlicher und bisher unbekannter Vorgang. Der Bund, vertreten, durch das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft (BMBW), hatte 1969 bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) angeregt, achtzehn neue Forschungsgebiete, sogenannte Sonderforschungsbereiche, an den Hochschulen einzurichten. Sogleich machte sich die DFG daran, per Umfragen das Interesse der Wissenschaftler an den Universitäten zu erkunden; sie setzte Kommissionen ein, veranstaltete Experten-Diskussionen. Das Ergebnis war dennoch deprimierend. Fünf Jahre nach dem Bonner Begehren teilte der Präsident der DFG, der international angesehene Münchner Physik-Professor Heinz Maier-Leibnitz, jetzt dem Bonner Bildungsminister Helmut Rohde das Resultat mit: Nicht ein einziger Vorschlag des Bundes wurde wahrgenommen, die Hochschulen gaben dem Minister achtzehn Körbe.

Die geringe Bereitschaft, die Anregungen aus Bonn aufzugreifen, ist kein Affront gegen das Ministerium; es ist auch keineswegs der Beweis erbracht für die oft vertretene These, die DFG – mit einem Jahresetat von über einer halben Milliarde Mark die eigentliche Forschungs-"Behörde" in der Bundesrepublik – sei unfähig, Forschung richtig zu fördern. Daß keine der Bonner Anregungen verwirklicht wurde, ist einzig und allein ein blamables Armutszeugnis, das sich die Hochschulen selber ausgestellt haben.

Das Bonner Ministerium, dem daran gelegen ist, Forschungsvorhaben über aktuelle gesellschaftliche Probleme zu unterstützen, hat nämlich Themen präsentiert, die zumindest jüngere Forscher an den Hochschulen interessieren müßten. Auf der Bonner Wunschliste standen unter anderem: Lärmbekämpfung, Reinhaltung der Luft, medizinische Soziologie, Mütter- und Säuglingssterblichkeit, Verkehrswirtschaft, Hochschuldidaktik, Kreislaufkrankheiten, Abfallwirtschaft.

Einiges davon, darauf weist die DFG mit Recht hin, wird als Teilgebiet in einem der bereits bestehenden Sonderforschungsbereiche behandelt. Abgesehen davon jedoch war keine Hochschule in der Bundesrepublik willens oder fähig, eines dieser Themen als neuen Sonderforschungsbereich zu übernehmen. Die Begründungen, mit denen die DFG die Vorschläge des Bundes an das BMBW zurückreichte, lesen sich zum Teil wie Bankrotterklärungen der wissenschaftlichen Forschung hierzulande:

  • Lärmbekämpfung: "Keine Hochschule bietet die Voraussetzungen, daß alle notwendigen Teildisziplinen mit qualifizierten Wissenschaftlern und entsprechenden Instituten eine solche Aufgabe übernehmen könnten";
  • Medizinische Soziologie: "Die erforderliche Konzentration qualifizierter Wissenschaftler an einer Hochschule ist nicht vorhanden";
  • Mütter- und Säuglingssterblichkeit: "Die von der DFG durchgeführte Umfrage hat keine Aktivitäten hervorgerufen";
  • Reinhaltung der Luft: "Zur Zeit sind keine erfolgversprechenden Ansätze an den Hochschulen für die Einrichtung eines Sonderforschungsbereichs mit dieser Thematik gegeben."

Gewiß – jedes dieser Projekte umfaßt ein riesiges Gebiet, das nur von zahlreichen interdisziplinär arbeitenden Forschern bewältigt werden kann. Dazu wären unendliche Anstrengungen und in jedem Fall viele Millionen Mark notwendig. Doch an der Finanzierung ist keines der Programme gescheitert. Gescheitert sind sie an der Weigerung der Hochschullehrer, sich dieser Themen anzunehmen.