Die Aussichten auf die Entwicklung unserer Konjunktur im kommenden Herbst sind gewiß nicht rosig. Aber sie sind andererseits auch nicht so deprimierend, um das Ausmaß von Geschrei, Geschwätzigkeit und Hysterie verständlich zu machen, das sich jetzt allenthalben feststellen läßt. Obwohl, bei nüchterner Betrachtung, wirklich nichts auf einen bevorstehenden Kollaps oder auch nur auf eine ernstere Krise unserer Wirtschaft schließen läßt, verhält sich doch mancher "Mahner" so, als stünde eine Katastrophe unmittelbar bevor.

Bedenkliche Anzeichen dieser Hysterie gab es in diesen Tagen in München. Die bayerische Hypotheken- und Wechselbank ("Bayernhypo"), viertgrößte private Bank der Bundesrepublik, war auf recht gefährliche Weise ins Gerede gekommen. Dummheit, die etliche bayerische Firmenchefs ihren Mitarbeitern hatte raten lassen, schleunigst ihre Lohn- und Gehaltskonten von der Bayernhypo abzuziehen, und böser Vorsatz, der sich in anonymen Telephonanrufen über den angeblich drohenden Zusammenbruch des Instituts äußerte, haben einen Ansturm kleiner und größerer Kunden bewirkt.

Ein Quentchen solider Nachricht – die Bayernhypo habe ihre umfangreichen Brauereianteile recht unbedacht zusammengerafft und müsse zudem über umfangreiche Kreditverpflichtungen des "Baulöwen" Heinz Mosch besorgt sein – hat ausgereicht, um Bankkunden nervös werden zu lassen. Die Erinnerung an die noch junge Herstatt-Pleite und eine übersteigerte Angst vor wirtschaftlicher Depression haben ausgereicht, um selbst die Bayernhypo suspekt werden Zu lassen – wenn auch nur für einen Tag.

Die Jahre des Wohlstandes und des scheinbar ungefährdeten wirtschaftlichen Wachstums haben offenbar bei vielen Bürgern das Empfinden dafür geschwächt, was wirklich eine Krise ist. Ein bißchen Durchzug – und schon denken sie an einen Sturm. Das Unbekannte nimmt in ihrer Vorstellung gigantische Formen an.

Darüber ließe sich leicht spotten, trügen nicht auch jene zur gegenwärtigen Krisenstimmung bei, die es besser wissen müßten und deren Urteil die öffentliche Meinung beeinflußt. Sei es der Metall-Gewerkschaftsboß Eugen Loderer, der, bei immer noch mehr als zwei Millionen Gastarbeitern, von einer "bedrohlichen" Arbeitslosigkeit spricht; seien es die unentwegt für eine "Konjunkturstützung" plädierenden Metall-Unternehmer um Herbert van Hüllen; seien es auch die beständigen "Krisen"-Mahner aus dem sich sonst so überaus staatserhaltend gebärdenden Verlagshaus Axel Springers: Sie sind die Väter der Hysterie.

Die Pleite der Herstatt-Bank signalisiert keineswegs das Ende anderer Banken. Die Schlankheitskur unserer Bauwirtschaft besagt nicht, daß unserer gesamten Wirtschaft magere Jahre bevorstehen. Und selbst unverkaufte Autos sind noch kein Grund, die Stabilitätspolitik fahrenzulassen. Denn: Sie hat ihren Zweck noch nicht erfüllt. Noch immer liegt die Preissteigerungsrate bei 6,9 Prozent. Noch kann keine Rede davon sein, daß die Inflationsmentalität gebrochen sei. Würde die Stabilitätskur unter dem Einfluß der Hysteriker zu früh abgebrochen, wären alle bisherigen Opfer umsonst gewesen.

Noch ist die Bundesrepublik eine gut bewohnbare Insel inmitten weltwirtschaftlicher Turbulenzen. Wenn sie es bleiben soll, sollte mancher, der sich gern reden hört, künftig häufiger den Mund halten. Dieter Piel