"Die Politik der Familie" und "Das Selbst und die Anderen", von Ronald D. Laing. Die Rezeption der Werke des englischen (Anti-) Psychiaters Ronald D. Laing setzte in Deutschland relativ spät ein, nämlich erst als die praktischen Konsequenzen seines theoretischen Ansatzes ruchbar wurden: als der Analyse des Netzwerkes von Kommunikationsstrukturen, durch die ein Mensch in eine unhaltbare Position manövriert und "verrückt" gemacht wird, die Weigerung folgte, die dem Psychiater zugewiesene Rolle in dieser Entfremdungsstrategie weiterzuspielen, also im herkömmlichen Sinne zu diagnostizieren und zu "behandeln". Inzwischen kommen, teilweise mit zehnjähriger Verspätung, immer mehr Schriften Laings auf den deutschen Buchmarkt – zu einem Zeitpunkt, da Laing schon dabei ist, seine Spuren wieder zu verwischen. "Das Selbst und die Anderen" ist grundlegend für den Versuch einer Theorie interpersonaler Prozesse der Konstituierung, Beeinflussung, Mystifizierung und Zerstörung der Erfahrung des Selbst durch andere – also von Prozessen, die bei der Entstehung von Psychosen eine entscheidende Rolle zu spielen scheinen, aber durchaus nicht nur in einem manifest pathologischen Kontext zu beobachten sind. Gegenüber den rein soziologischen ("Etikettierung") oder rein psychologischen ("Ich-Schwäche") Annäherungen an diesen Problembereich zeichnet Laings Arbeit sich durch den Versuch aus, die komplexe Totalität des Interaktionsgeschehens zu erfassen und zu beschreiben. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Untersuchung der sozialen Phantasiesysteme, in die wir alle unentrinnbar eingesponnen sind. Von einer vollständigen Theorie dieser Vorgänge sind wir noch weit entfernt, und je mehr man von Laing liest, desto stärker wird der Eindruck, daß seine spezifische Leistung mehr in der besonderen Sensibilität für eine bestimmte Art von Problemen als in der systematischen Formulierung von Theorien besteht. Die "Politik der Familie" (1969) bringt gegenüber dem Buch "Das Selbst und die Anderen" (1961) nichts prinzipiell Neues, dreht aber die Spirale der Phantasien über Phantasien über Phantasien, der Zuschreibungen von Zuschreibungen von Zuschreibungen und der Regeln über Regeln über Regeln, in deren Gespinst die menschliche Existenz gefangen ist, noch um einige Windungen weiter. Und da man sich in solche Explorationen kaum ernsthaft einlassen kann, ohne irgendwann von Schwindel, wo nicht gar von metaphysischer Angst befallen zu werden, wird schon verständlich, daß einer schließlich Zuflucht in der Meditation suchen muß. (Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1974; 207 und 176 S., je 25,–DM.).

Hans Krieger