Mainz

Fünfzehn Monate nach der Wahl Helmut Kohls zum Chef der Bundes-CDU wird in Rheinland-Pfalz ein Posten frei: Am 30. August entscheiden 450 Delegierte in der Rhein-Mosel-Halle zu Koblenz über Kohls Nachfolge im Landesvorsitz. Das Kandidaten-Karussell dreht sich nicht mehr. Erstmals in der Geschichte der Landes-CDU wird es zwei Kanidaten geben: den 41jährigen Kultusminister Bernhard Vogel und den 44jährigen Sozialminister Heinrich Geissler. Beide gehören seit Mai 1967 dem Mainzer Kabinett an.

Wer den Posten, den Helmut Kohl im Zuge seines Bonner Aufstiegs jetzt räumt, schließlich besetzen wird, wagt drei Wochen vor der Abstimmung niemand mehr mit Sicherheit vorauszusagen. "Es wird ein knappes Rennen", so heißt die Standardformel; die jeweiligen Anhänger sehen ihren Kandidaten vorn. Lange Zeit galt Bernhard Vogel als sicherer Sieger; doch je weiter die Wahl hinausgeschoben wurde – sie war zunächst für Anfang Januar vorgesehen –, um so mehr gewann Geissler an Boden.

Inzwischen gilt es in der Mainzer CDU-Spitze als ausgesprochen schick, für den Sozialminister zu sein. Und Spitzenpolitiker meinen süffisant: "Von den wichtigen Politikern in Mainz ist nur noch Vogel für Vogel." Der Meinungsumschwung scheint bereits in die Kreis- und Ortsverbände durchzuschlagen, freilich mit kräftiger Nachhilfe der Geissler-Anhänger. So amüsiert sich Vogel-Befürworter Albert Leicht, Chef der CDU-Landesgruppe im Bundestag, darüber, "wie die in den Sommerferien herumgerannt sind". Den von Geissler-Anhängern verbreiteten Zweck-Optimismus, im wahrscheinlich entscheidenden Bezirksverband Koblenz zeichne sich eine Mehrheit für Geissler ab, kommentiert ein Abgeordneter aus dem Norden: "Das versucht uns unser Bezirksvorsitzender schon seit einem Jahr einzureden." Vorsitzender ist dort Innenminister Heinz Schwarz, entschiedener "Geissler-Fan".

Beide haben das Zeug zum Parteivorsitzenden, daran gibt es keinen Zweifel. Bernhard Vogel etwa, Bruder des Bonner SPD-Ministers, ist längst der führende Kulturpolitiker der Union. Seine brillanten und humorvollen Reden, sein Wahlkampfeinsatz haben ihm großen Rückhalt an der Basis der Partei gebracht. Er ist Vorsitzender des Bezirksverbandes Rheinhessen-Pfalz, der in Koblenz die meisten Delegierten stellt. Für sein Amt als Präsident des Zentralkomitees der Katholiken will er nicht erneut kandidieren, fals er Landesvorsitzender wird. Vogel ist gewiß der verbindlichere Politiker, was ihm freilich die andere Parteiseite mit dem Mainzer Faßnachtsspruch ankreidet: "Allen wohl und niemand weh."

Heinrich Geissler hingegen ist bundespolitisch erst in letzter Zeit stärker hervorgetreten. Er und nicht Hans Katzer ist Vorsitzender des Sozialpolitischen Ausschusses der Bundespartei. Der Vorsitzende des Kreisverbandes Mainz Stadt gilt als kämpferischer Politiker, der schon "so minchen Strauß mit den Sozis" ausfocht, der aber auch Widerstand in der eigenen Fraktion und im Kabinett überwindet. Freilich befürchten einige, seine draufgängerische Art werde zu einer Polarisierung in der CDU führen. Selbst Anhänger räumen ein, der auf dem linken Flügel seiner Partei angesiedelte Politiker, Gewerkschaftsmitglied und Mann der Sozialausschüsse könne gerade die traditionelle Wählerschicht der CDU, den gewerblichen Mittelstand, verschrecken.

Helmut Kohl, weiterhin die Nummer eins in Rheinland-Pfalz, enthält sich jeder Stellungnahme. Auch in Koblenz will er weder für den einen noch den anderen Kandidaten eintreten. Freilich sitzen gerade in seiner Umgebung die Geissler-Befürworter. Kohls Sympathien für Geissler werden auch daraus geschlossen, daß man Geissler weniger Ehrgeiz auf den Posten des Ministerpräsidenten in Mainz nachsagt. Dieses Amt will Kohl nur aufgeben, wenn er als Kanzler nach Bonn käme. Dann freilich nähme er Vogel als Wissenschaftsminister und Geissler als Gesundheitsminister mit. Es gibt indes Anzeichen dafür, daß dem Kultusminister der Posten des Landesfürsten von Rheinland-Pfalz lieber ist als der des Chefs eines – am Etat gemessen – nicht so bedeutenden Bonner Ressorts. Karl-Heinz Baum