Die Idee ist wieder untergegangen, bevor sie aufgegriffen wurde. Dabei leuchtet Vasarelys Vorschlag ein, der Natur nachzuhelfen und mit Farbe Freude zu verbreiten. Dennoch wurde sein Modell einer "farbigen Stadt" nirgends nachgebaut. Einen Versuch wäre das Projekt wert gewesen. Ob die Menschen "freundlicher, umgänglicher, glücklicher" würden, wenn sie mit Kunst leben müßten – das hätte man dann doch gesehen.

Kunst ist für alle da, behauptet Vasarely, wie die Straßen es sind. Also muß man auf den Straßen damit anfangen und möglichst noch in den Schlafzimmern nicht damit aufhören. Ihm schwebt so etwas vor wie die Integration aller Künste. Er ist davon überzeugt, die Welt ändern zu können nur mit Formen und Farben. Er will Stadt- und Landschaftsbild umkrempeln, Fassaden – und damit Straßenzüge – beleben, Verkehrssysteme ändern, Kommunikationssignale schaffen; er will also das Leben erleichtern mit einer Ästhetik für den Alltag. Technische Hindernisse gibt es nicht, es gibt nur theoretische. Die Stadtplaner waren nicht zu gewinnen. Wollen sie von Schönheit nichts wissen?

Dabei hatte sich die Liaison mit Ludwigshafen damals ganz gut angelassen. Anfang der siebziger Jahre hatte sich Vasarely an die Badische Anilin- und Soda-Fabrik gewandt und die Suche nach einem Idealmaterial für seine Farb-Form-Findungen vorgeschlagen. Die Ludwigshafener Fachleute suchten und fanden. Sie raffinierten und polymerisierten und färbten Kunststoff aus Acrylnitril. Vom Granulat zum künstlerischen Kompositionselement war der Weg dann nicht mehr weit. Der Synthese aus Kunst und Kunststoff stand nichts mehr im Wege. In Montreal und Osaka konnte Vasarely seinen Traum wenigstens stückweise realisieren.

Inzwischen hat Vasarely Fürsprecher. Er muß nicht immer und überall von vorn anfangen. Die Künstlermonographie –

Gaston Diehl: "Vasarely"; Südwest Verlag, München, 1974; 96 S., 54 vier- und 18 einfarbige Abb., 14,80 DM

zeichnet Vasarelys Utopie einer menschenfreundlichen Moderne sorgfältig nach. Schrittweise kann man nachvollziehen, was auch für Vasarely nicht gleich selbstverständlich war: die Notwendigkeit einer monumentalen Kunst, die den Größenordnungen der heutigen Stadt und bald auch des ganzen Universums gerecht wird.

Vasarely aus Pécs in Ungarn war in Budapest Schüler des berühmten Bortnyik gewesen, dessen ehrgeiziges Ziel, eine Art Gegengründung zum Bauhaus am Mängel finanzieller Mittel scheiterte. Bortnyik versuchte eine Ausbildung zu vermitteln, die für alle Probleme der bildenden Kunst offen, aber im wesentlichen praktisch ausgerichtet war und auf einem zielorientierten Lehrplan nach dem Weimarer Modell beruhte. So wurde Vasarely mit der Stijl-Bewegung, mit Mondrians, vor allem van Doesburgs und Moholy-Nagys radikaler Ästhetik vertraut. Er lernte die geometrischen Ordnungsgesetze der Konstruktivisten und Ostwalds Theorie der vier Grundfarben und probierte selbst, ein Bild vom Quadrat her aufzubauen und mit Hilfe verschiedener Tonwerte und Rhythmen in Ebenen und Flächen aufzuteilen.