Am Freitag letzter Woche verkündete das bayerische Kultusministerium das Ende einer Kungelei. Der derzeitige Intendant der Hamburgischen Staatsoper August Everding, so ließ die Kanzlei von Staatsminister Maier wissen, habe sich bereit erklärt, die Leitung des Münchner Nationaltheaters zu übernehmen. Damit ist eine Unklarheit beseitigt: Als Günther Rennen die Absicht kundtat, seinen Vertrag nicht zu verlängern, hatten sofort die Drahtzieher und Gerüchtemacher ihre Arbeit begonnen; ganze Listen mit Namen wurden genannt – nun haben die Münchner ihren, wie die "Süddeutsche Zeitung" bestätigt, "rettenden Opern-Lohengrin hierhergesteuert".

Zwar haftet noch ein kleiner Schönheitsfehler an der Verabredung: Günther Rennert geht im Sommer 1976, August Everding ist aber bis zum Sommer 1978 an Hamburg gebunden. Das fait accompli mag man in der Hansestadt als unfein empfinden – der Schachzug war halt clever und erfolgreich. Daß Everding den Hamburger Senator für Wissenschaft und Kunst brüskierte, indem er ihm nicht einmal Gelegenheit zu einem klärenden Gespräch gab, sondern, kaum daß er in Bayreuth seine "Tristan"-Inszenierung vorgezeigt hatte, nach San Francisco eilte, um dort über eine "Giovanni"-Regie zu verhandeln, paßt in ein langsam deutlicher werdendes Bild. Im Grunde war ja Hamburg für August Everding nur eine Durchgangsstation auf dem Weg von München nach München, eine Gelegenheit, sich für den Sprung von einer Schauspiel- zu einer Opernintendanz, also auf eine "höhere" Sprosse seiner Karriereleiter abzustützen.

Soll Hamburg ihm zürnen? Was hat er hier geleistet? Er hat zwei Inszenierungen abgeliefert, bei denen er ein verwaschenes Konzept und eine dürftige Regie hinter einem Mordsaufwand an Bühnenbild und Galabesetzung versteckte. So etwas wird in München nicht weiter auffallen, eher gefallen. Er hat ein von Liebermann geprägtes Profil dieses Hauses – Stichwort: zeitgenössisches Musiktheater – abgebaut, aber nichts Neues dagegenzusetzen gewußt. Er hat mit Matineen, öffentlichen Proben und Diskussionen um Publicity gebuhlt – von der Staatsoper ist weniger denn je zu reden. Er hat John Neumeier und Götz Friedrich nach Hamburg geholt, doch für den einen mußte er einen Prozeß mit 16 Tänzern führen und Entschädigungen zahlen, und der andere muß sich seine Erfolge draußen, in Holland oder Stuttgart erarbeiten, weil zu Hause nichts für ihn bleibt. Man sollte ihn schnellstens laufen lassen.

Aber der Fall Everding führt über die Person Everding hinaus. Wollen wir, so ist zu fragen – und die Affäre Strehler in Salzburg ist weiterer Anlaß, darüber nachzudenken –, auch in Zukunft das Funktionieren von Kulturinstituten, die die Öffentlichkeit jährlich dreißig und mehr Millionen Mark kosten, abhängig sein lassen von den Karrierebedürfnissen und dem Opportunismus einzelner, die Arbeitsbedingungen eines Ensembles, Wünsche eines Publikums, Kontinuität eines Genres aber ignorieren? Soll weiterhin ein wegen anderer Verpflichtungen für sein Institut kaum vorhandener Regisseur-Intendant dem Namen nach ein Haus führen? Zeigen nicht die früheren guten Erfahrungen Hamburgs, daß nur mit einem Manager-Intendanten noch eine Chance für die anachronistische Gattung Oper besteht? Oder wollen wir nicht sogar die dreißig Subventionsmillionen reduzieren, auf ein Staatstheater verzichten und – wie andere Bühnen es längst vorexerzieren – mit weit geringeren Mitteln ein weit besseres, weit engagierteres (Opern-) Theater machen?

Heinz Josef Herbort