Bei der Uhrenfabrik Lip wird unter neuem Management wieder gearbeitet

Es ist genau ein Jahr her, da sprach alle Welt von Lip. Im August 1973 spielte sich nämlich in der ostfranzösischen Stadt Besançon ein spektakulärer Sozialkonflikt ab: Die 1300 Arbeiter der bankrotten Uhrenfabrik Lip wollten sich nicht mit ihrer Entlassung abfinden und besetzten die Fabrikationsstätten, schmuggelten einige tausend Uhren aus dem Werk, verkauften sie zu Schleuderpreisen und verkündeten die Selbstverwaltung. Am 13. August marschierte dann die Polizei und vertrieb die Arbeiter aus ihrer Fabrik.

Was ist heute aus Lip geworden? Die alte Lip SA existiert nicht mehr, der kauzige Boß Fred Lip hat sich aufs Altenteil an die Côte d’Azur zurückgezogen. Ende Januar wurde als Nachfolgegesellschaft die SEHEM (Société Européenne d’Horlogerie et d’ Equipement mécanique) gegründet.

Nachfolger von Fred Lip wurde Claude Neuschwander (41), ein Mann aus der Werbebranche mit linken Ideen und dem Image des erfolgreichen Managers. Sein ehrgeiziger Plan war, ein neues Unternehmen mit neuer Strategie aufzubauen. Sein Ziel: 1975 mindestens 500 000 Uhren zu verkaufen. 1972, im Jahr vor dem Konflikt, waren es lediglich 440 000.

Zunächst ließ Neuschwander seine guten Beziehungen spielen, um neues Kapital zu beschaffen. Er fand so solide Finanziers wie den Chemieriesen Rhône-Poulenc, den Glas- und Lebensmittelkonzern BSN-Gervais, die privaten Banken Paribas und Schlumberger, die Staatsbanken BNP, Crédit Lyonnais und Société, Générale. Sie spendierten ihm das Kapital für die neue Gesellschaft (10 Millionen Francs). Auch der alte Großaktionär Ebauches aus der Schweiz engagierte sich erneut mit einigen Millionen.

Nächster Schritt: die Befriedigung der Gläubiger. Sie zeigten sich meist kompromißbereit. Die SEHEM erkannte ihre Forderungen an, zahlt sie aber nur zum Teil zurück (in der Regel 85 Prozent). Die meisten Gläubiger sollen bis zum Ende dieses Jahres ausgezahlt werden.

Mit dieser Regelung räumte Neuschwander ein großes Hindernis aus dem Weg: den Boykott der Lieferanten. Ihnen schuldete Lip die höchsten Summen, und ohne ihre Mitarbeit wäre das neue Unternehmen zum Mißerfolg verurteilt gewesen.