War ick unten, harrt wer gespielt, bin ick Bett gegangen. Das ist das Tagesprotokoll eines Kindes aus dem Arbeiterviertel Neukölln in Berlin. In Gesprächsnotizen, Familienbiographien und Skizzen von Schulstunden spiegeln sich Konflikte, Hoffnungen und Wirklichkeit der Mietskasernenbewohner. Zwei Jahre lang sammelten eine Soziologin und ein Kunsterzieher Material für ein "Lesebuch", das Alltag und Sonntag der Kinder in einer Vorklasse und dem ersten Schuljahr der Theodor-Storm-Schule beschreibt –

Manuela du Bois-Reymond und Burkhardt Söll: "Neuköllner Schulbuch"; es 681, Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1974; jeder Band 327 S., zusammen 18,– DM.

Diese minuziös und unsentimental verfaßte Bestandsaufnahme eines Erziehungsprozeses will keine Sozialreportage sein und kein Curriculum ersetzen, sondern Zusammenarbeit mit Kindern dokumentieren. Dazu gehört die Schilderung ihrer Wohnungen und Straßen so gut wie die Beschreibung sogenannter "schulischer Überlebenstechniken". Oliver zum Beispiel, der ungeliebte Lehrer einfach "Arschbouletten" nennt, muß sich darin noch üben.

Gerade in der scheinbar nüchternen Aufzählung von Fakten, Vorfällen, Projekten löst die Lektüre Betroffenheit aus. Bis in jeden Nebensatz ist das Engagement der Autoren zu spüren. Selbstkritische Überprüfung der Arbeitsvorhaben, der konsequent betriebene Versuch, einen nicht autoritären, gleichwohl disziplinierenden Erziehungsstil zu entwickeln, machen die Dokumentation glaubwürdig. Beispiele zeigen, wie sich einem total verwalteten Schulalltag zum Trotz, der in Routine und Resignation, Verschleiß und Zynismus kaputt geht, doch ein Stück Faszination des Lernens mit Kindern herstellen läßt.

Statt mit ungenauem Optimismus begegnen die Autoren und eine sehr junge Lehrerin der Wirklichkeit dieser Kinder mit Initiativen. Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule wird nicht als scheindemokratische Komplizenschaft zur Stabilisierung lediger Mißstände praktiziert. Elternabende machen die Erzieher monatlich in der Stammkneipe um die Ecke.

Sich mit dem Hinweis, dieses Experiment sei aus einer privilegierten Situation entstanden (drei Erzieher für siebenundzwanzig Kinder), vom kritischen Vergleich zur eigenen Schulpraxis zu dispensieren, wäre billig. Das Neuköllner Schulbuch leistet ohne illusionäre Retuschen Anstiftung zur Veränderung einer Schule, die zur Lernanstalt heruntergekommen ist. Wie man Bildungs-Hinterhöfe, wo Sozialchancen in der Regel bereits im ersten Schuljahr verteilt sind, zu Erziehungswerkstätten verändern kann, machen die Autoren zur Nachahmung vor. Lehrer brauchen dazu allerdings Intelligenz, Sensibilität und soziale Phantasie. Ute Blaich