Von Heinrich Jaenecke

Lissabon, im August

In diesem Sommer ist Lissabon nicht in die gewohnte hochsommerliche Apathie versunken. Zwar sind die Strände von Estoril und Cascais kaum weniger voll als in früheren Jahren, aber die Hauptstadt verharrt ein Vierteljahr nach dem Sturz der Diktatur noch immer in einem Zustand fiebriger Erwartung, der die Stabilität der politischen Situation widerspiegelt. Jedermann scheint auch das Unwahrscheinlichste für möglich zu halten, und so kommt es, daß sogar das Gerücht in Umlauf gerät, General Antonio Spinola, der Retter des Vaterlandes, denke an seinen Rücktritt.

In der Tat kam die erste Krise des Revolutionsregimes schneller als erwartet. Die provisorische Regierung der "Großen Koalition" unter dem parteilosen, liberalen Professor Palma Carlos brach nach kaum zweimonatiger Amtszeit auseinander. Damit war der Versuch gescheitert, bis zur Wahl einer verfassunggebenden Versammlung alle wichtigen politischen Kräfte an der Regierungsverantwortung zu beteiligen. Die Schuld daran ist kaum im persönlichen Versagen Palmas zu suchen. Der 70jährige Jurist sah sich vor unlösbare Aufgaben gestellt. Ohne verfassungsrechtlich abgesicherte Kompetenzen, ohne Richtlinienbefugnis – die letzte Entscheidung liegt auch in Detailfragen immer noch beim "Staatsrat", der erweiterten Militärjunta – sollte er ein Kabinett leiten, das von den Kommunisten bis zur gemäßigten Rechten reichte, und er sollte zugleich mit den in aller Schärfe aufbrechenden Schwierigkeiten einer Übergangszeit fertig werden.

Palma suchte den Ausweg in einem Pakt mit dem Junta-Chef Spinola. Er schlug die unverzügliche Volkswahl des Staatspräsidenten vor – wobei nach Lage der Dinge nur der General in Frage kommen, konnte – und verlangte als Gegenleistung größere Vollmachten für sich selber als Regierungschef. Für Spinola mußte die Idee verlockend sein, aber es zeigte sich, daß er nicht der starke Mann war, für den ihn viele ausländische Beobachter hielten. Die Fäden hielten die jungen Offiziere des "Movimento das Forças Armadas" (Bewegung der Streitkräfte, MFA) in der Hand, die den Putsch vom 25. April durchgeführt hatten. Sie lehnten Palmas Forderungen kategorisch ab und zwangen ihn damit zum Rücktritt.

Die Krise endete mit einem eindeutigen Machtzuwachs für das "Movimento". Der innere Kreis trat aus der Anonymität heraus: und nahm die Regierung selber in die Hand. Oberst Santos Gonçalves wurde Kabinettschef, sechs weitere Offiziere, darunter drei Mitglieder des "Koordinationskomitees" des MFA, besetzten die wichtigsten Kontroll- und Schlüsselpositionen. Der eigentliche Kopf der Bewegung, Otelo de Carvalho, vom Major zum Brigadegeneral befördert, blieb außerhalb der Regierung, um das Kommando über die Garnison Lissabon und ein neu gegründetes Eingreifkommando aus Elite-Einheiten des Heeres zu übernehmen.

Die Kommunisten, die während der Krise vehement für die Militärs und gegen den Zivilisten Palma Carlos Partei ergriffen ("eine Versöhnung der Reaktion"), durften ihren Chef Alvaro Cunhal als Minister ohne Portefeuille im Kabinett belassen, und auch die Sozialisten behielten mit Mario Soares das Außenministerium. Die linksliberale "Demokratische Volkspartei" ist nur noch mit einem Minister ohne Portefeuille vertreten (Magalhaes Mota), die übrigen, parteilosen Zivilisten in der Regierung gelten als liberaldemokratische Technokraten.