Von Sybil Gräfin Schönfeldt

Kinder verfügen heute in der Schule nicht nur über Schulbücher, sondern auch über Materialien. Das heißt, sie setzen sich vor den Fernsehschirm und sehen dort – für ihr Fach Politische Bildung – beispielsweise Filme über "Rollen von Mann und Frau in der Gesellschaft". Filme, die im Schnellverfahren nach dem Motto hergestellt zu sein scheinen: "Frag’ vier sehr verschiedene Leute und kommentiere ihre Aussage auf das Ziel hin: Wer recht hat, kann man nicht sagen."

Diese Art Sozialkunde per Bildschirm wird dann angereichert mit Begleitmaterial: Ein Heft von 96 Seiten, aus einem Archiv zusammengestückelt mit besonders vielen Ausschnitten aus der Brigitte und der Frankfurter Rundschau. Als Garnitur dienen dann noch Statistiken, etwas Simone de Beauvoir, etwas Grundgesetz und ein Grundsatzprogramm von FDP, CDU und SPD.

Die fünfzehnjährigen Schüler, die sich mit diesem Häppchen-Programm beschäftigen sollen, um sozialkundliche Kenntnisse zu erwerben, versuchten vergeblich, von den Texten eine Beziehung zur eigenen Existenz, zur Umwelt und Familie herzustellen. Sie mußten widerwillig auswendig büffeln, daß "die meisten Menschen unzufrieden sind ohne Kinder" und daß ein "Sackgassenberuf" der einzige Ausweg für eine Witwe ohne Erwerbstätigkeit sei. Sie lernten statistische Zahlen, die in einem oder zwei Jahren überholt sein werden, nicht aber Namen und Schriften zum Beispiel von August Bebel oder Helene Länge. Sie lernten in zufälliger Zusammenstellung das kennen, was in der letzten Zeit Gescheites, Banales und Borniertes in Zeitungen und Zeitschriften zum Thema Gleichberechtigung stand.

Eine Darstellung oder auch nur eine Statistik zur Situation der nichtberufstätigen Frau in ihrer Eigenschaft als Pädagogin, Vorschulpädagogin, als Kinderladen-Initiatorin und Elternrätin aber suchte man hier vergeblich. Kein Wort also stand da zur Berufsbeschreibung der 64 Prozent Nicht-Erwerbstätiger, deren Ausbildung (oder: bessere Ausbildung) die allgemeine chaotische Situation der Schule und der Kinder wesentlich verbessern könnte.

Da die Verfasser solcher Filme und Materialien nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer mit dem Inhalt ihres Zettelkasten-Materials über die Rollen der Geschlechter allein lassen und ihnen trotz pseudowissenschaftlichen Aufwands mit Fußnoten und Tabellen keine Literatur zu diesem Thema nennen, wußten die Fünfzehnjährigen nicht so recht, was sie damit anfangen sollten. Selbst der Lehrerin gelang es nicht, aus dem unkritisch konzipierten Stoff kritisches Denken abzuleiten.

Was haben die Kinder also gelernt? Sie haben gelernt, daß Statistik manipulierbar ist, indem man nur die Zahlen verwendet, die die eigene Argumentation bestätigen, daß eine Frau nur ein Mensch ist, wenn sie einen Beruf hat; daß Gleichberechtigung bedeutet: Männer müssen in die Küche. Sie haben gelernt, daß Kinder das einzige unüberwindliche Hindernis auf dem Wege zur Emanzipation sind. Und daß es zwar etwas langweilig, aber unvergleichlich bequem ist, ein paar Schulstunden lang jeder anderen Meinung mit Hilfe von Materialien zu widersprechen und "die Lehrerin quatschen zu lassen".