Von Nina Grunenberg

Ankara, im Juli

Von dem nächtlichen Gespräch, das der türkische Ministerpräsident Bülent Ecevit wenige Stunden vor der Invasion auf Zypern mit US-Unterhändler Joseph Sisco führte, wurde aus Regierungskreisen in Ankara kolportiert, es sei kurz und teilweise heftig und bitter gewesen. Als Sisco nicht aufhören wollte, auf das Nato-Problem zurückzukommen, soll Ecevit ihm in die Parade gefahren sein: "Wir werden die Nato für den Augenblick vergessen müssen. Wenn alles vorbei ist, können wir weiter darüber nachdenken."

Die für den Geschmack westlicher Beobachter gefährlich aufreizende Haltung, die die Türken seit der Operation auf Zypern einnehmen, wird durch diese Anekdote illustriert. Gewohnt, als die treuesten der Treuen im westlichen Bündnis verbraucht zu werden, sehen sich die Türken zu ihrer eigenen Überraschung zum erstenmal in der Position des Stärkeren, der schon dadurch provozierend wirkt, während er selber noch glaubt, nur um sein Recht zu kämpfen. In den vierzehn Jahren, die seit Gründung der Republik Zypern vergangen sind, war es ihnen nicht gelungen, der türkischen Minderheit zu den ihr in der Verfassung zugestandenen Rechten zu verhelfen. Dies hatte in den Türken Gefühle der Verzweiflung hervorgerufen, deren Intensität im westlichen Bündnis anscheinend unterschätzt worden ist.

Was bedeutet Zypern für die Türken? Ein emotionales Problem ist die Insel nur vordergründig. Gewicht hat sie für die Türken als Sicherheitsfaktor. Die strategische Lage macht Zypern zu einem "unversenkbaren Flugzeugträger", der 60 Kilometer vor dem südlichen Ufer der Türkei liegt, und zum Wächter vor dem "weichen Unterleib" des Landes, am Golf von Iskenderum. Die Insel in den Händen der Griechen zu wissen, ist für die Türken eine ebenso angsterregende Vorstellung, als wäre sie ein Stützpunkt der Russen: In beiden Fällen wären sie, für den Fall eines Krieges mit einem der beiden Nachbarn, einem Zangengriff von Norden und Süden gleichzeitig ausgesetzt.

Sich für alle zukünftigen Verhandlungen über die Verfassung der Inselrepublik ein territoriales Faustpfand zu sichern, war das Hauptziel der Invasion. Weil die türkische Armee wichtige strategische Positionen in dem etwa zwanzig Kilometer breiten Korridor zwischen der Hafenstadt Kyrenia und der Hauptstadt Nicosia in drei Kriegstagen noch nicht besetzen konnte, "siegte" sie nach dem ersten Waffenstillstand vom 22. Juli noch weiter. Als ihr etliche Schlüsselstellungen auch nach dem 30. Juli, dem Tag des Genfer Abkommens, noch fehlten, griff sie in einigen Abschnitten wieder an. Dabei soll sie nicht nur die griechisch-zyprische Nationalgarde bekämpft, sondern auch auf UN-Truppen geschossen haben.

Regierungschef Ecevit hat es sorgfältig vermieden, von der Teilung der Insel zu reden, gegen die vor allem die Sowjetunion schon frühzeitig ihr Veto in Ankara abgegeben hatte. Ob Ecevit indessen schon so stark ist, wie seine derzeitige Popularität glauben machen könnte, ist zweifelhaft. Viel mehr spricht dafür, daß er unter zunehmenden Druck jener Militärs geraten ist, die einer einseitigen Zypern-Lösung das Wort reden. Druck üben auch die Ultranationalisten aus, die – vertreten durch die islamische Heilspartei – mit in der Regierungs-Notkoalition sitzen und bisher noch jedes von Ecevits liberalen Reformprojekten abgewürgt haben.