• Reynolds Aluminium hat als Konsequenz der gerichtlich verfügten Anordnung, vorläufig nur mit Zweidrittelkapazität zu arbeiten, angekündigt, es bereite Entlassungen vor. Was will der Senat in Hamburg tun, um die mit seiner Hilfe geschaffenen Arbeitsplätze zu erhalten?

Kern: Die Anordnung gilt nur vorläufig, sie wird sicher schon bald überprüft werden. Für die Unternehmensleitung war sie nur ein Anstoß, die eigenen Personaldispositionen zu überprüfen. Ich sehe daher keinen Anlaß zur Dramatik. Mir scheint vielmehr auch in den Entscheidungen der Gerichte eine nüchterne Betrachtungsweise Platz zu greifen. Es wäre doch eigenartig, – wenn ausgerechnet das modernste Aluminiumwerk, dessen Umwelttechnologie nachweislich wirksamer ist als alle anderen, aus formalen Erwägungen dichtgemacht werden sollte.

  • Wie kam es zu dem "Fall Reynolds"? Wurde der drittgrößte Aluminiumkonzern der Welt von Ihnen an die Elbe geholt, ohne daß vor Erteilung der Betriebsgenehmigung die Höchstwerte für Fluorimmisionen festgesetzt wurden?

Kern: Der sogenannte "Fall Reynolds" ist kein Einzelfall. Gegenüber 1968/69, als wir die Ansiedlungsverhandlungen mit Reynolds führten, ist die Problematik nur schärfer ins Bewußtsein der Öffentlichkeit getreten. Richtig ist, daß wir damals keine Immissionshöchstwerte fixiert haben. Das war nicht notwendig und wäre sogar falsch gewesen. Wir hätten Werte zulassen müssen, die heute überholt wären. Statt dessen sind wir von vornherein mit Reynolds einig gewesen, daß das Hamburger Werk die neueste Umweltschutztechnologie erhalten sollte, deren Werte auf jeden Fall unter dem Niveau blieben, das damals als allgemein zulässig angesehen wurde.

Wie richtig dieses Vorgehen war, zeigt sich daran, daß das Hamburger Werk jetzt Umweltschutzwerte erreicht, die deutlich besser sind, als die neue "Technische Anleitung Luft" vorschreibt, die soeben von der Bundesregierung mit Zustimmung des Bundesrats erlassen wurde. Um so mehr muß man sich wundern, daß unser schrittweises Vorgehen nachträglich zum formalen Vorwurf erhoben wird. Das neue Bundesimmisionsschutzgesetz von 1974 sieht eine stufenweise Genehmigungspraxis vor. Sie ist das einzige Mittel, um während der langen Planungs- und Bauzeiten großer Anlagen auf der Höhe technischer Entwicklung zu bleiben.

  • Welche Lehren ziehen Sie aus dem Fall Reynolds für weitere Industrieansiedlungen?

Kern: Jedenfalls wäre es falsch zu resignieren. Der Fall Reynolds wird hochgespielt. Wir haben Grund anzunehmen, daß es zumindest den Prozeßführenden nicht um den Umweltschutz, sondern um mehr Geld geht. Die Grundstücke, um deren gewerbliche Beeinträchtigung prozessiert wird, liegen nämlich in einem Gebiet, das unser Landesparlament schon 1961 durch Gesetz zum Hafengebiet bestimmt hat und das wir für einen Großhafen brauchen. Landwirtschaft soll dort ohnehin nicht mehr stattfinden. Wir werden den Fall zum Anlaß nehmen, der Öffentlichkeit die Problematik des Umweltschutzes noch deutlicher vor Augen zu führen. Von schöner Umwelt allein können mehr als 1,7 Millionen Einwohner unserer Stadt nicht leben, auch nicht von Dienstleistung, Verwaltung und Rechtsprechung. Die Industrie gehört dazu.