ARD, Freitag, 2. August: "Der Hausaufsatz", von Manfred Bieler

Kein Zweifel, dieser 2. August wird in die Geschichte eingehen, und zwar als ein Tag, der die Balance, die hierzulande zwischen einzelnen konkurrierenden Branchen besteht, empfindlich gestört hat.

Dieser 2. August, so viel steht fest, wird die pharmazeutische Industrie in eine schwere Existenzkrise führen, den Elektrohandel hingegen, aufs schönste beleben. Hier eine Baisse von gewaltigem Ausmaß, dort eine riesige Hausse. Millionen Schlafkranker werden von nun an, ihren Tabletten entsagend, auf Video-Recorder umsteigen. Apparat eingeschaltet, Band eingelegt – und schon ist der Tiefschlaf erreicht. Was "Klosterfrau" nicht gelingt, schafft "Der Hausaufsatz" spielend.

Wer aber zu arm ist, um sich einen Recorder leisten zu können, der braucht darum nicht zu verzweifeln. Die pharmazeutische Industrie hat keinen Grund zum Frohlocken: Mag das Schäfchenzählen mittlerweile ein wenig passé sein – die Nacherzählung des Bielerschen Stückes wirkt hundertprozentig. Bieler macht’s möglich.

Wenn ein junger Mann, in großbürgerlichem Milieu, den reinen deutschen Jüngling spielt – wobei die Liebe über Marx und der Cornet über das Kapital triumphieren – und wenn, im gleichen Milieu, ein keusches deutsches Mädchen, fünfzehn Jahre alt, "das kann einem aber doch zu denken geben" sagt, dann weiß der Betrachter am Bildschirm: Hier kannst du schlafen. Hier wird nichts passieren. Da mag die Ansagerin sich nach der Tagesschau noch so neckisch aufführen – "Ob die beiden wirklich nur Schularbeiten machen?!"; da mögen auch mal zwei Rocker auftreten und beim Bier Dämonisches artikulieren; da mag, nach der Devise "Verrücktheit putzt immer", ein irrer Großvater lüstern und schlüsselschwingend durch die Zimmerflucht schlürfen: als Wachtmann vom Dienst... wenn Romeo und Julia über das Aufsatzthema "Ein Ereignis, das mir zu denken gab" sprechen und von der Tanzstunde auf Trotzki, von Trotzki auf Maria Morzek (wer kennt sie nicht, die Titelheldin eines Bielerschen Romans?), von Madame Morzek auf die Untertertia kommen (für diese Teenager heißt die achte Klasse noch genau so wie zu Kaiser Wilhelms Zeit), dann beginnt auch der Kritiker langsam schläfrig zu werden.

Die beiden da auf dem Bildschirm, so viel weiß er um neun, werden auch um halb zehn nichts anderes tun als um zwanzig nach acht. Sie werden aufstehen und sich setzen, zur Tür gehen und wieder umkehren, die Minuten kriechen dahin. Gottlob, daß es wenigstens noch den Großvater mit seinem Schlüsselbund gibt, dann klappert doch immerhin etwas. Bis zum nächstenmal, Alter! Fünfundsiebzig Minuten sind lang, da kannst du noch manches Mal kommen.

Doch kaum ist er weg, da stehen sie auch schon wieder, die beiden, ganz nah beieinander, stehen bedeutungsschwer und blicken sich an, und je länger sie schauen, mal in den Spiegel und mal auf den Partner, im gleichen Rhythmus jedenfalls, desto bedeutungsschwerer wird auch das Hausaufsatz-Thema: Erst ging’s um ein Mädchen, das auf einem Kriegerfriedhof mal mußte, dann ging es um einen Alimente zahlenden Bauern, und schließlich geht es um Gott, um die Poesie, um das Alter und die Identität. Und während man sagt "Ich falle immer nur in den Stoff, der schon da ist", blickt man sich an, als ob man an die Love-Story, aber auch an Kierkegaard dächte. Und redet Papier. Und redet Papier.