Auf ihren Regionalversammlungen hat die Veba volle Häuser. Das Interesse an diesem Unternehmen ist gegenüber dem Vorjahr noch gestiegen. Dabei ist unerheblich, meine verehrten Leser, ob es tatsächlich alles Veba-Aktionäre sind, die sich an dem bescheidenen Imbiß erfreuen, der auf den Versammlungen gereicht wird. Wesentlich ist doch wohl, daß es immer mehr Leute sind, die sich für die Probleme eines so großen Unternehmens interessieren, auch wenn es auf einer Regionalversammlung nichts zu "entscheiden" gibt. Der Vorsitzende des Veba-Vorstandes, Rudolf v. Bennigsen-Foerder, nimmt die jährliche Rundreise durch die Bundesrepublik sehr ernst. Er denkt nicht daran, die freiwilligen Aktionärszusammenkünfte allmählich sterben zu lassen.

Trotz dieser Aktionärspflege hat sich die Zahl der Veba-"Volksaktionäre" seit der Teilprivatisierung der Gesellschaft im Jahre 1965 auf rund 1,2 Millionen halbiert. Am Aktienkapital der Veba von 1,03 Milliarden Mark ist der Bund mit 40 Prozent beteiligt.

Eine Abwanderung der "Volks" aktionäre hat es auch bei der Preussag und dem Volkswagenwerk gegeben, zwei Unternehmen, die vor der Veba durch Ausgabe von Volksaktien privatisiert (Preussag) oder teilprivatisiert (Volkswagenwerk) worden sind.

Die Preussag begann im Frühjahr 1959 noch mit einer recht bescheidenen Aktionärszahl von 216 000. Inzwischen ist sie auf 160 000 geschrumpft. Lange Zeit hatte die Preussag-Verwaltung sowohl über Regionalversammlungen als auch über Publikationen versucht, zu ihren Volksaktionären engen Kontakt zu halten. Regionalversammlungen gibt es nicht mehr. Sicherlich wäre es auch kein Vergnügen gewesen, in mehreren Städten die Gründe für den Ertragsschwund der Preussag, für unternehmerische Fehldispositionen erläutern zu müssen.

Wirtschaftliche Probleme hat es bei der Preussag allerdings schon bald nach der Privatisierung gegeben. Die damalige CDU-Bundesregierung, auf deren Initiative die Volksaktienaktionen zurückgingen, half, indem sie es der Preussag ermöglichte, preiswert einige Unternehmen, vor allem die Vereinigte Tanklager- und Transportmittel GmbH (VTG), zu erwerben. Immerhin – noch 1969 hätten sich die Preussag-Aktionäre zum Kurs von 260 Mark je 100-Mark-Aktie von ihren Papieren trennen können. Das ist auch etwa der Preis, zu dem die Westdeutsche Landesbank in Düsseldorf der Veba eine Schachtelbeteiligung an der Preussag abkaufte. Aus heutiger Sicht sicherlich keine gute Anlage. Die Zeichner von Preussag-"Volks"aktien zum Kurs von 145 Mark stehen sich dagegen weniger schlecht, als gemeinhin angenommen wird. Unsere Tabelle "Preussag" zeigt, daß sie sich immerhin seit 1959 eine Jahresverzinsung von 6,6 Prozent (trotz des eingetretenen Kurssturzes) ausrechnen können.

Die Zeichner der Volkswagen-Aktien zu dem um den Sozialrabatt ermäßigten Kurs von 280 Mark (für die 100-Mark-Aktie) stehen weniger gut da, obwohl die VW-Aktionäre 1970 sogar einmal mit Gratisaktien bedacht worden sind. Unter Berücksichtigung des eingetretenen Kursverlustes macht hier die jährliche Rendite nur 5,5 Prozent aus. Für die VW-Aktionäre stehen jedoch die mageren Jahre erst bevor. Für 1974 wird es mit ziemlicher Sicherheit keine Dividende mehr geben; ob für 1975, hängt von der Höhe des in diesem Jahr eintretenden Verlustes ab. Übrigens: Wer im März 1961 Siemens-Aktien erwarb, hat seitdem nur eine jährliche Rendite von 2,12 Prozent kassiert. Hier gab es eben keinen Sozialrabatt.

Von den ursprünglich 1,5 Millionen Zeichnern der VW-Volksaktien sind etwa 800 000 dem Volkswagenwerk treu geblieben. Etwa 17 Prozent der Zeichner hatten sich bereits in den ersten sechs Monaten nach der Zuteilung der Aktien von ihren Papieren getrennt. Sie nahmen den Verlust des "Sozialrabatts" von 70 Mark je Aktie in Kauf. Bei den Verkäufern "der ersten Stunde" handelte es sich zum größten Teil um Leute, die von vornherein auf einen zu erwartenden Kursgewinn spekulierten und gar nicht die Absicht hatten, in den "Klub" der Volksaktionäre einzutreten. Diese Spekulanten machten einen ansehnlichen Gewinn. Denn zeitweise erreichte der VW-Kurs die Höhe von 1100 Mark je 100-Mark-Aktie. Da war der Sozialrabatt leicht zu verschmerzen.