Von Wolfgang Hoffman

Außer den Beamten gibt es in der Bundesrepublik keine andere Berufsgruppe, die so laut klagt und zugleich soviel fordert wie der Nährstand. Und, keine andere Interessengruppe weiß sich so gut öffentlich in Szene zu setzen. Traktorenkolonnen, die den Verkehr blockieren, und schwarze Fahnen verhelfen jeder Bauerndemonstration zu gebührender Publizität. Die Auftritte der Bauern und ihrer Führer in den letzten Wochen lassen vermuten, daß nach der Ernte auch die Früchte des Zorns reif sind. Über Scholle und Stall sind die Sturmzeichen hochgegangen.

Es ist keine Frage: Die Bauern sind derzeit in keiner beneidenswerten Lage. Maschinen und Bauten sind erheblich teurer geworden. Die Preise für Düngemittel steigen unaufhaltsam. Energie ist teuer wie nie. Andererseits sind die Erzeugerpreise gefallen. Obwohl die Preise von rund einem Drittel aller landwirtschaftlichen Produkte von Brüssel nach unten hin abgesichert sind – und zwar meist auf recht hohem Niveau –, haben die Landwirte derzeit ihre Not. Als verfügbares Einkommen bleibt in der Kasse diesmal mit Sicherheit weniger als in den beiden Vorjahren. (Siehe auch Graphik Seite 32.)

Allerdings müssen auch andere Berufsgruppen mit erheblichen Einkommenseinbußen rechnen. Einzelhändler und Handwerker, Automobilindustrie und Bauwirtschaft erleben eine Flaute wie nie zuvor.

Doch bei der Landwirtschaft ist das Auf und Ab nichts Neues. Gute und schlechte Jahre wechseln, seit Ackerbau betrieben wird. Die vergangenen zwei Jahre waren unbestreitbar recht gut. Aber die Bauern pochen immer nur dann auf ihr freies Unternehmertum, wenn die Kasse stimmt. Werfen Ackerbau und Viehzucht weniger ab, sehnen sie schon bald wieder den alten Reichsnährstand herbei, der für sie denkt und lenkt. In seinem Schoß durften sich die Bauern bis 1945 ja auch geborgen fühlen, und das übrige Volk hatte an seinen Lesebuchbauern zu glauben.

Doch es liegt nicht nur an der verblichenen Nährstands-Ideologie, daß die Bauern auch heute noch bei der geringsten Verschlechterung ihrer Einkommenslage nach dem Staat rufen und auf die Straße drängen. Die Landwirte sind schließlich seit Jahrzehnten, gleich von welcher Bonner Regierung, gehätschelt worden. Mit den Bauern mochte es keine Partei verderben. Wer die Bauern hatte, konnte sich schon leicht als Wahlsieger fühlen. Und über der Politik der milden Gaben wurde eine zielstrebige Agrarpolitik meist vergessen.

Es muß einmal deutlich gesagt werden: Deutschlands Bauern sind allenthalben für dumm verkauft worden. Und sie selbst haben sich die Verdummungspolitik auch allzu gern gefallen laslen. Wenn sich schon die Bauernfunktionäre in Bonn im vertraulichen Gespräch erschrocken über soviel Unwissenheit und Unkenntnis äußern, wie sie beispielsweise von der Kreisbauernführerschaft auf der jüngsten Tagung in Bonn bewiesen wurde, dann spricht das für sich selbst.