Unzensierte Nachrichten aus der spanischen Sahara dringen nicht leichter in die Welt als solche von einer sowjetischen Raketenbasis. Seit Jahren ist dieser westafrikanische Kolonialbesitz von einer Informationssperre umgeben, obwohl die 266 000 Quadratkilometer zwischen Marokko, Mauretanien und Algerien fast nichts enthalten als Sand – mit Ausnahme von Phosphatlagern. Sie wurden vor elf Jahren entdeckt und zählen zu den größten der Welt (geschätzte Reserven: 1,6 Milliarden Tonnen).

Dies ist der Grund, weshalb Spanien die Wüstenzone weiter behalten will, auch wenn der Nachbar Portugal sein imperiales Erbe liquidieren wird, so daß Spanien allein als koloniale Nachhut auf afrikanischem Boden verbleibt.

Wegen der spärlichen Informationen, die vom Phosphat-Dorado nach außen gelangen, gibt es in Madrid nur Gerüchte über jüngste Sabotageakte und Zwischenfälle am Förderband, das – von Krupp errichtet – vom Landesinnern über hundert Kilometer zur Atlantikküste führt. Das spanische Außenministerium dämpfte die Spekulationen mit dem amtlichen Bescheid, das Band sei wegen starker Erhitzung zeitweilig ausgefallen – eine Mitteilung, die den Hauptstädtern wegen der gepriesenen Qualitäten des Transportmittels wenig glaubhaft erscheint.

Derweil hat Marokkos König Hassan II. in einem Schreibe! an Generalissimus Franco erneut seine Ansprüche auf die spanische Sahara angemeldet und zugleich eine internationale Kampagne begonnen mit dem Tenor, die "geraubte Sahara" müsse der "anachronistischen Kolonialherrschaft" entrissen werden.

Francos Antwort läßt sich aus der offiziellen spanischen Mitteilung erschließen, die Provinz mit ihren 40 300 Einwohnern werde Autonomie erhalten und in einem Referendum zu gegebener Zeit darüber abstimmen können. Eine ähnliche Versicherung ist unter dem Druck der Vereinten Nationen schon 1971 gegeben worden und überzeugt daher in Rabat nicht.

Möglicherweise kann aber König Hassan diesmal seinem Verlangen mehr Nachdruck geben. Am 4. September beginnt die arabische Gipfelkonferenz in der marokkanischen Hauptstadt. Da Marokko im Oktoberkrieg Truppen gegen Israel entsandt hat, hofft der König auf arabische Unterstützung für seine Spanienpolitik. Das westliche Maghreb-Land bestreitet selber 40 Prozent der Phosphatexporte der Welt; die spanische Sahara ist sein gefährlichster Konkurrent auf dem Weltmarkt. Die Besitzansprüche werden freilich nicht wirtschaftlich, sondern ethisch motiviert.

Auch Mauretanien möchte sich die reiche Wüste einverleiben – rein geographisch mit besserem Recht, denn beide Territorien haben eine gemeinsame Grenze von 1500 Kilometern Länge. Marokko – mit nur 450 Kilometern – gerät da ins Hintertreffen. Bisher konnte Spanien die mauretanischen Besitzansprüche durch umfangreiche wirtschaftliche Hilfe dämpfen.

Die Bewohner der spanisch beherrschten West-Sahara selber, zumeist nomadisierende Moslems, geben in ihrer großen Mehrheit bisher keinen Grund zu der Annahme, daß sie das paternalistische Regiment abschütteln wollen. Die Verwaltung des Territoriums, das seit 1901 Kolonie und seit 1958 spanische Provinz ist, hat medizinische und Bildungseinrichtungen geschaffen und das lokale Brauchtum nirgends eingeengt.