Von Karl-Heinz Wocker

London, im August

Englands Parteimanager haben kaum Zeit gehabt, die Wahlmanifeste vom letztenmal einstampfen zu lassen, da rollen schon wieder die Pressen für die nächsten. Die Texte werden sich kaum unterscheiden. Welcher Partei fiele in fünf Monaten schon etwas Neues ein?

Das ist vor allem eine Frage für die regierende Labour-Party. Sie will die Neuwahlen nicht, aber sie braucht sie. Die Niederlagen im Parlament waren nachgerade peinlich geworden. Während die Konservativen sich am Anfang taub gestellt hatten, sobald der Ruf nach einer effektvollen Opposition ertönte, aus Furcht, eine rasche Neuwahl könne ihre Lage nur verschlimmern, rafften sie sich zuletzt zu einigen sorgfältig ausgewählten Abstimmungssiegen auf. Dabei sollte, die Regierung beileibe nicht gestürzt werden – eine Taktik, die an Morgensterns Kalenderlöwen erinnert, der deshalb auf sich aufmerksam macht, damit jeder weiß, daß es ihn noch gibt.

Seit vier Wochen nun hat sich Wilson ins Unvermeidliche der Neuwahlen gefunden. Man, merkt es daran, daß er plötzlich viel Zeit für Interviews hat. Sein gestörtes Verhältnis zuden Massenmedien präsentiert sich auf einmal wieder im Licht rosiger Freundschaft. So wurde dafür gesorgt, daß der Presse lange Auszüge aus Wilsons Aufruf zur Parteieinheit zugingen, der an sich zur internen Verwendung bestimmt war. Wörtliche Zitate, über fünf Spalten lang in der Times konnten nur aus dem Manuskript des Chefs selber stammen.

Das Bild, das Wilson von sich entwirft, ist das einer unbeirrt ruhenden Schwerkraft zwischen zwei aufgeregt flatternden Flügeln. Er unterschlägt freilich die Berechnung, mit der er diese Flügel zur Rechten und zur Linken erst lange genug ungetadelt Wind machen ließ, damit er sich wieder einmal als unersetzliches Bindeglied präsentieren konnte. Jeder andere Regierungschef hätte seinem Industrieminister das Gerede über ganze Salven bevorstehender Verstaatlichungen sofort verboten, um so mehr, als noch gar kein Kabinettsbeschluß gefaßt worden war.

Der kam erst Ende voriger Woche, unmittelbar nachdem das Parlament in die Ferien gegangen und also mundtot war. Aber der adlig geborene Tony Benn, der Mann, der durch das Ablegen seines Titels Parlamentsgeschichte machte und heute der Liebling der Labour-Linken ist, durfte mehrere Wochen hindurch den Industriellen und Finanziers des Landes das letzte bißchen Investitionslust austreiben, das ihnen noch geblieben war.