Es ist noch gar nicht so lange her, da galten Wohngemeinschaften als etwas Anstößiges. Aus der "68er Revolution" entstanden, fiel den meisten Leuten dazu nichts anderes ein als Anarchie und sexuelles Chaos. Heute sind Wohngemeinschaften weitgehend akzeptiert – in einer Großstadt wie Hamburg gibt es kaum noch Vermieter, die sich sträuben, in ihre Wohnungen ein Kollektiv einziehen zu lassen. Immer mehr Schwierigkeiten aber entstehen offenbar in den Gruppen selbst. Ursula Plog, Psychologin in der Psychiatrie der Hamburger Universitätsklinik, hat es in letzter Zeit häufig mit Patienten zu tun, die in Wohngemeinschaften leben. Fast jede Woche kommen neue hinzu. Margrit Gerste unterhält sich mit ihr über die Frage: Machen Wohngemeinschaften krank?

Es ist auffallend, daß in letzter Zeit immer mehr Menschen, die in Wohngemeinschaften leben, Hilfe brauchen. Was eigentlich fehlt ihnen?

Ihnen fehlt meistens das, was wir Kontakt zur Wirklichkeit nennen. Sie haben sich soweit isoliert von ihren Familienangehörigen, von ihrem beruflichen Engagement, daß sie für sich selber keinen vernünftigen oder richtigen Weg mehr sehen.

Entstehen diese Krisen erst in der Wohngemeinschaft, durch diese neue Lebensform, oder werden sie dort nur sichtbar gemacht?

In den Wohngemeinschaften entsteht ganz sicher nur ein geringer Teil dieser Krisen; der weitaus größere Teil außerhalb, entweder in der Lebensgeschichte des einzelnen oder in anderen Lebensfeldern, so daß die Wohngemeinschaft durch die Möglichkeit des Gespräches Probleme erst sichtbar macht.

Darin liegt ja auch etwas Konstruktives, daß entweder andere oder ich selber merke, wo liegen meine Probleme? Gefährlich wird es aber dort, wo die Gemeinschaft an sich selbst den Anspruch stellt, helfen und das Problem bewältigen zu wollen. Ein Anspruch, der seinen Ursprung im wesentlichen in einem Mißverständnis des Begriffes Kollektiv hat.

Viele aus der politischen Bewegung der letzten Jahre heraus gegründeten Wohngemeinschaften haben sich bemüht zu beweisen, daß der Gedanke des Kollektivs für ihr Leben etwas Gutes ist, und deswegen glauben sie, ihre Wohngemeinschafts-Mitglieder auch psychisch heilen zu müssen. Die Gefahr liegt also darin, daß ihnen das Sichtbarmachen von individuellen Problemen nicht genügt, sondern daß sie dann zum Beweis, daß das Kollektiv etwas Gutes ist, auch noch die Therapie übernehmen.