Von Toni Kienlechner

Unser roter Baron geht", sagen bedauernd nicht nur die Kulturbeflissenen in Rom, sondern die immens vielen italienischen Wissenschaftler, Politiker, Soziologen, Theologen, Architekten, die sich der Leiter des "Goethe-Instituts", Michael Freiherr Marschall von Bieberstein, in den vierzehn Jahren seiner Tätigkeit zu Mitarbeitern gewonnen hat. Nicht sie haben das Schlagwort vom "roten Baron" erfunden, sondern konservative deutsche Kreise, denen die kulturpolitische Linie dieses Barons ein wahrer Dorn im Auge war. Die Italiener haben nur das freundschaftlich besitzanzeigende Fürwort "unser" dazugesetzt – was schließlich das größte Lob ist. Dieser Marschall, so wenig militaristisch er auch ist, hat nämlich nicht nur eine Schlacht, sondern einen Feldzug gewonnen.

1960 war man in Italien alles andere als freundlich gesonnen gegenüber einem Deutschland, das wirtschaftlich wie eine Rakete aufstieg. Zwiespältig waren auch die Erinnerungen; die faschistisch-nazistische Gemeinsamkeit wurde schlicht verdrängt. Der Befreiungskampf gegen die deutsche Besatzung wurde hingegen dick unterstrichen, denn an der Partisanenbewegung sollte Italiens neue Staatsideologie sich orientieren. Immer wieder wurde auch die Gefahr eines neu erwachenden nazistischen Revanchismus beschworen. Die antideutsche Propaganda der italienischen Kommunisten vor allem nährte das tief verwurzelte Mißtrauen. Ein offener Dialog war in dieser Phase völlig verbaut.

Es kam also darauf an, ein genaueres Deutschlandbild zu zeigen. Wer aber wollte es sehen? Die Arbeit des deutschen Kulturinstitutes in Rom, das 1957 in der "Biblioteca Germanica" begonnen hatte, spielte sich fast ausschließlich vor der deutschen Kolonie ab, mit hübschen traditionellen Konzerten, Dichterlesungen und Vorträgen. Das war zwar genußreich und gemütlich, aber es erfüllte keineswegs den Zweck einer im Ausland betriebenen "Kulturpolitik". Denn für die eigene Nation kulturell zu werben, galt ursprünglich als Aufgabe aller jener um die Jahrhundertwende gegründeten Institute, wie des "British Council", der "Pro Helvetia", der "Alliance Française", des amerikanischen USIS – und auch die "Biblioteca Germanica" folgte ursprünglich dem alten Rezept.

Michael Marschall führte dann die Wende herbei mit der klaren Erkenntnis: Kulturarbeit kann nicht mehr "national", sondern muß geradezu anti-national betrieben werden, nicht mehr in Konkurrenz, sondern im eigentlichen Wortsinn des "concorrere", des Miteinander. Selbstdarstellung ist heute überholt. Ein Kulturinstitut soll heute eine Art von Tauschbörse sein, an der vor allem gesellschaftspolitische Erfahrungen, Modelle, Gesetzestexte, Seminare, Schulungskurse angeboten, übernommen oder gemeinsam erarbeitet werden.

Der Ausbruch aus dem trauten deutschen Kulturzirkel wurde dadurch erreicht, daß man erst einmal ein unbekanntes Deutschland vorbrachte: Expressionismus, Dadaismus, die Literatur und die Musik der zwanziger und dreißiger Jahre. Das war neu und überraschend, denn in der Mussolinizeit war auch Italien eine vom Ausland abgegrenzte Provinz gewesen. Zu diesen Veranstaltungen kamen zum erstenmal die italienischen Intellektuellen, die allesamt "links" eingestellt sind. Daher war es von entscheidender Wichtigkeit, ihre Vorurteile gegenüber der heutigen Bundesrepublik zu brechen. Dieser Annäherungsprozeß war mit einem Schlag vollzogen, als Willy Brandt die politische Bühne betrat.

In den letzten vier Jahren hat denn auch die kulturelle Arbeit des Goethe-Instituts in Rom zu jener umfassenden gesellschaftsformenden Linie gefunden, die Früchte trägt. Die Künste wurden nicht vernachlässigt: zu den großen Ausstellungen (etwa Paul Klee) kamen bis zu 70 000 Besucher. Ebenso wichtig aber war, daß oft im kleinsten Expertenkreis einige Tage lang Seminare gehalten wurden über – ich greife nur einiges heraus – Reform des Strafvollzugs, Regionalplanung, Kommunalordnung, Wehrpsychologie, Urbanistik. Dazwischen einige große Stationen: die Aufsehen erregenden Kongresse über Psychoanalyse, Nachkonzilstheologie, Germanistik. Im Herbst kommt nun der seit Jahren vorbereitete Kongreß über "Praktische Probleme europäischer Kulturarbeit".