Von Rolf Michaelis

Ein fast Siebzigjähriger, Romancier und Psychologe, einer der wenigen eigenwillig denkenden politisch-philosophischen Köpfe der Zeit, erinnert sich an Kindheit und Jugend im ostgalizischen "Städtele" – und das Ergebnis ist: ein ganz tränenleeres Buch –

Manès Sperber: "Die Wasserträger Gottes – All das Vergangene..."; Europaverlag, München, 1974; 260 S., 25,– DM.

Mit dem gleichmütigen Blick des bei Alfred Adler ausgebildeten Individual-Psychologen betrachtet der große Manès den kleinen "Munju", der 1905 im hintersten Winkel der Donaumonarchie, in Zablotow, geboren wurde. Er verfolgt den Skeptiker in einer frommen jüdischen Familie bis zum Beginn der Laufbahn als Wissenschaftler und Sozialrevolutionär in dem durch das Ende des Habsburgerstaates erschütterten Wien des Jahres 1918. Die ganz unsentimentalen Memoiren sind weniger Roman als Analyse, weniger Erzählung als kritisch reflektierender Essay. Sperber betreibt die Anatomie des eigenen Lebens. Was er schreibt, ist eine innere Autobiographie.

Damit bleibt der Schriftsteller Sperber, der selbst in seiner großen, auch als mehrteiliger Fernsehfilm erfolgreichen Roman-Trilogie "Wie eine Träne im Ozean" eher kritischer Kommentator als realistischer Erzähler ist, sich selbst und dem von ihm geforderten Stil "grausamer Trockenheit" treu. Der Wehmutston aller Berichte – zumal Memoiren – über die versunkene Welt des Ostjudentums kommt hier nicht auf. Ein Memoiren-Schreiber, der auf der ersten Seite über "die maßlose Monotonie und die ermüdende Eindringlichkeit des Ich" in der Memoiren-Literatur herzieht und sich am Schluß zutreffend als "heimlichen Schweiger" charakterisiert, muß wohl zu dem selbstkritischen Urteil kommen, daß seine "Kindheitserinnerungen kaum eine Vorstellung von der tiefen Gefühlsaufwallung" jener Zeit geben.

Hier ist Sperber selbst einmal der gefühlvollen Neugier erlegen, mit der wir Jugenderinnerungen zu lesen gewohnt sind. Wer verklärenden Rückblick oder den Exotismus der Vergangenheit erwartet, wird von einem Buch, das im Untertitel "All das Vergangene..." beschwört, nicht gerade verzaubert. Das Urteil des auch politisch frühreifen Schülers Manès über die Lektüre der Wiener "Arbeiter-Zeitung" gilt auch für seine Memoiren: "Man war enttäuscht und trotzdem zufrieden."

Enttäuscht mag sein, wer sich romanhafte Schilderungen erhofft. Die in allen Jugenderinnerungen wichtige Szene des auch von Sperber so genannten "ersten sexuellen Erlebnisses" etwa wird knapp memoriert, ohne daß das vierjährige Kind oder die junge ukrainische Magd dabei zu literarisch beglaubigten Personen würden. Aus den resümierenden Worten: "... obwohl es zweifellos bestimmend werden sollte für die ungewöhnliche Bedeutung des Taktilen in all meinen erotischen und sexuellen Bindungen" kann der Leser lernen, wie diese Erinnerungen zu lesen sind, so daß man doch "zufrieden" ist: Sperber schreibt aus der Sicht des Siebzigjährigen. Er versetzt sich nicht in den "Munju", der er war, sondern sucht in der Selbst-Analyse, zu der ihm der Vorgang des Erinnerns wird, nach den Bedingungen und Konstanten seiner Existenz, die er auf Begriffe bringt.