Haben Umgangsformen heute noch einen Sinn?

Ich bin für die Abschaffung aller Umgangsformen außer der allerwichtigsten. Was hat man von "ausgerichteten Grüßen"? Was von "Gesundheit", wenn man niest? Davon wird man ja schließlich nicht schneller gesund. Warum muß man unbedingt beim Begrüßen die Hand geben; langt nicht ein freundliches Lächeln? Wozu sind all diese Regeln, wie Hand auf den Tisch beim Essen, wichtig? Ich meine, daß man auf den größten Teil dieser "unechten" Höflichkeiten verzichten und sie durch echte Freundlichkeit ersetzen könnte. Kai Kreuzer, 18 Jahre

*

Als ob Umgangsformen immer weniger beachtet würden und eine Verwilderung der Höflichkeit immer mehr Raum greifen würde! Dem ist nicht so. Wir haben bloß, mit Ausnahmen, keine hierarchisch geforderten Umgangsformen mehr, wie sie seit dem Mittelalter bis zum Anfang des Industriezeitalters Dogma wären. Damals waren sie Zeugen der Unterwürfigkeit, heute sind sie Zeugen der guten Kinderstube und des vornehmen Charakters.

Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz konnte nachweisen, daß die guten Manieren die Aufgabe der Beschwichtigung erfüllen. Werden die guten Manieren weggelassen, so tritt Feindseligkeit auf. Am Beispiel wird es klar. Einer möge doch einmal in das Zimmer seines Vorgesetzten treten ohne zu grüßen. Er wäre sich des entsetzten Blickes seines Gegenüber sicher. Kulturhistorisch ist erwiesen, daß das Handgeben aus jener Zeit stammt, in der man das Schwert noch mit der Rechten zog. Wurde damals die Rechte gegeben, so konnten die sich Gegenüberstehenden der gegenseitigen Friedfertigkeit sicher sein.

Die guten Manieren erfüllen also schon seit geraumer Zeit eine soziale Aufgabe. M. Reinke, 19 Jahre

*