Von Rolf Kunkel

Das safety first der Fluglinie stimmt auf den Zielort ein: Leibesvisitation manuell und elektronisch, minutenlange Kofferkontrolle, stundenlange Wartezeit, Abgabe des Handgepäcks, lediglich die Zeitung bleibt nach sorgfältiger Inspektion in der Hand des Passagiers. "Wie sollen hoch Sportmannschaften ins Land kommen, wenn schon Piloten sich weigern, unseren Flughafen anzufliegen?", klagt der Sportredakteur des "Belfast Telegraph". Er hat recht: die entnervende Prozedur lassen nur noch wenige Geschäftsleute und ein paar Journalisten über sich ergehen. Wohlgemerkt: eine Stippvisite in ein Nachbarland der Europäischen Gemeinschaft ist geplant, kein Zypern- oder Israel-Besuch. Vor Ort hält die Beklemmung an: das Hotel wirkt nicht gerade einladend, obwohl zur Straßenseite alle Fenster offenstehen. Die Scheiben fehlen. Sie sind, wie ein Hotelangestellter sarkastisch bemerkt, bei der Jubiläumsfeier vor drei Tagen zu Bruch gegangen. Vor dem Haupteingang war eine Bombe explodiert, die 25. in den drei Jahren seit der Eröffnung. Man wohnt hinten raus und hat auch sonst Ruhe: auf 220 Zimmer sind hochstens 25 Gäste verteilt. Das Hotel lebt von seinem "guten" Ruf: viele Bombenexplosionen, in der Lobby, im Restaurant, in der Toilette, aber nie ein Verletzter oder gar Toter. Solche Erfolgsbilanz wirkt anziehend. Draußen werden silbernlackierte Metallkästen entladen: Fernsehteams aus aller Welt sind Stammgäste. So dicht am Schuß ist die publizistische Jagd nach Mord und Terror erfolgversprechend. Freilich: die meisten hören Detonationen nur aus der Ferne und erfahren anderntags aus der Presse, was passierte: Englischer Soldat von Heckenschützen ermordet. Die Statistik wird gleich mitgeliefert: der 1051. Tote, seit 1969 das begann, was man hier The Trouble nennt. Der Tod ist längst zu einem vierstelligen Ereignis geworden und kein Grund zur Aufregung mehr. Die Leute sind abgestumpft und, wie ein Kommentator schrieb, immerhin beruhigt, daß dem Terror jährlich nicht mehr Menschen zum Opfer fallen als dem Straßenverkehr.

Kontrollen überall: auf den Straßen, vor Hotel, Post, Bank und Pub gehen die Arme automatisch hoch. Mit einer Ausnahme: bei Sportveranstaltungen. So unwirklich es in dieser tristen Stadtlandschaft zerbombter Häuser, verfallener Straßenzüge und verwahrloster Grünanlagen klingt: der lokale Sport scheint am wenigsten von der politischen Misere betroffen. In Balmoral, einem Außenbezirk, wird gerade die Belfast Horse Show veranstaltet. Hinter dem anspruchsvollen Namen verbirgt sich eine Provinzveranstaltung ohne internationale Beteiligung. Niemand tastet den Besucher am Eingang nach Waffen ab, nach 10 Minuten fühlt er sich wie bei einem-Turnier in Verden.

International jedoch ist Nordirland gegenwärtig so isoliert wie Südafrika es kaum sein könnte. Die konfessionelle Apartheid hat verheerendere Folgen als die politische. Fußball ist Sportart Nummer 1, und noch immer sind die vom Belfast Parks Department verwalteten sechs Dutzend Plätze langfristig belegt, aber ein Länderspiel bestritt die nordirische Auswahl daheim zuletzt 1972 gegen die Sowjetunion. Was jetzt noch an internationalen Begegnungen zustande kommt, wird vom Terminkalender europäischer Wettbewerbe diktiert, wie im Frühjahr das Europapokaltreffen von Meister Glentoran Belfast gegen Borussia Mönchengladbach. Sportteams kommen mit Chartermaschinen, logieren weit außerhalb und werden gut bewacht. Von Belfast sehen sie lediglich das Stadion, gleich nach dem Spiel fliegen sie zurück. Die selten gewordenen Ausländer genießen in dieser Gettosituation deshalb alle Priorität und Bewunderung. Unlängst wären japanische Tischtennisspieler da, eben wird die Ankunft eines amerikanischen Motorbootweltmeisters angekündigt: diese Meldung ist der Aufmacher auf der Sportseite der Zeitungen. Einheimische Sportjournalisten schmunzeln, wenn sie von Gruselstorys in der ausländischen Presse hören. "Solange ich lebe", sagt ein Zeilenveteran, "ist bei einem Fußballspiel noch nie ewas passiert." Wer hier lebt, spürt die Gefahr nicht mehr, in der er sich befindet. Unbestritten dagegen ist der Zuschauerrückgang. Kamen früher im Schnitt 10 000 zu attraktiven Spielen der 1. Liga, sind es heute gerade 5000. Viele fürchten, vor Anbruch der Dunkelheit nicht mehr in ihre Wohnungen zurückzukommen. Die Folge sind endlose Stunden vor dem Fernsehgerät. Auf dem Bildschirm serviert die BBC aus London hochklassige Fußballspiele, während das Niveau der eigenen Mannschaften ständig sinkt. Zu den Klischees über Ulster gehört auch die Vorstellung vom Nullpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Das gilt für Theater, Kinos, Restaurants, weniger für den Sport. 12 000 Menschen schauen einem Motorradrennen am Rande Belfasts zu. Beginn: 19 Uhr, Ende: weit nach 22 Uhr. Die Amateurboxer tragen ihre Kämpfe regelmäßig abends, aus, nicht seiten vor einer Kulisse von 4000 Zuschauern.

Lediglich im katholischen Viertel um die Falls Road und dem wenige Minuten entfernten protestantischen Pendant entlang der Shankill-Road, in freudlosen Enklaven, die an die zerstörten deutschen Städte nach Kriegsende erinnern, ist schon der Gedanke an Sportmeetings Luxus. Den Bewohnern bleibt nur der Weg in den Pub, aber auch der wird erschwert, weil die trinkfreudigen Iren die meisten ihrer Pubs inzwischen in Schutt und Asche gelegt haben; oder der Gang zum Buchmacher, denn selbst die widrigsten Lebensumstände vermögen nichts an der irischen Wettleidenschaft zu ändern. Es bleibt dabei: die Iren wetten wie die Irren, und die Bookies profitieren noch am ehesten von den extremen Verhältnissen. Der Weg zu Sportveranstaltungen ist weit und manchmal riskant, besonders, wenn es durch feindliches, sprich protestantisches oder katholisches Territorium geht, der Besuch beim Bookie reizvoller und ungefährlicher.

Prominenteste Sportlerin des Landes ist Mary Peters, die 1972 in München mit einer Goldmedaille im Fünfkampf Nordirland auf die Weltkarte des Sports setzte und seither dem lokalen Sport unschätzbare Impulse gab. Die Fahrt zur Antrim Road 356, ihrem Wohnsitz, war umsonst, denn die inzwischen 31jährige einzige nordirische Olympiasiegerin ist wieder einmal unterwegs: als Partnerin mehrerer Geschäftsunternehmen, als Mitglied des britischen Sports Councils, für das sie Jugendprogramme und Spendenaufrufe organisiert, oder als Fernsehsportkommentatorin – wer weiß. Sie ist in konstruktivem Sinne aktiv wie kaum sonst jemand im Zentrum dieses politisch-religiösen Bürgerkriegs im Hinterhof Europas, den viele als unbegreiflichen und unaufhaltsamen Wahnsinn längst abgeschrieben haben. Vor allem der Sport verdeutlicht die schizophrene Situation: Katholiken und Protestanten spielen in einer Mannschaft zusammen Fußball, Cricket, Rugby, feiern miteinander, besuchen die gleichen Restaurants, kaufen in den gleichen Geschäften – andererseits führen Angehörige beider Konfessionen einen mörderischen Krieg, den 30 000 Soldaten und Polizisten des Vereinigten Königreichs ebensowenig verhindern können wie Politiker aller Schattierungen.

Je ernster die Lage, desto mehr suchen die Menschen Zerstreuung und Ablenkung durch den Sport. Dieser aber lebt von der Jugend. Der Nachwuchs jedoch, jene Jungen und Mädchen, die in diesem gewalttätigen Klima heranwachsen und es dennoch irgendwie geschafft haben, sich nicht von den Fesseln traditioneller Vorurteile und des Hasses binden zu lassen, kennen nur ein Ziel: raus aus dem Land. Nach Neuseeland, Südafrika oder wo sonst auch immer, nur weg hier. Wenn die Entwicklung anhält, wird sich das Thema Sport eines Tages von selbst erledigt haben.