Von Wolfram Siebeck

In Amerika ist ein Konservenfabrikant auf die verrückte Idee gekommen, seine Blechdosen mit Tomatensaft zu füllen, der den Geschmack der Tomaten hatte. Der Verkauf ging schlagartig zurück. Was da aus der Dose kam und nach Tomaten schmeckte, kannte der Verbraucher nicht und wollte er nicht. Erst als der Doseninhalt wieder das vertraute, künstliche Aroma mit dem Beigeschmack von erhitztem Bakelit hatte, kauften die Leute wieder.

Ein ähnliches, allerdings radikaleres Experiment mit Ananas ging ebenfalls schief. Es war nicht möglich, die Verbraucher von ihrer Vorliebe für die geschälten und gesüßten Ananasstücke mit dem typischen Blechgeschmack abzubringen und sie stattdessen an frische Ananasstücke zu gewöhnen.

Bei uns würde ein ähnlicher Versuch ähnliche Resultate zeigen; denn auch wir ziehen das Künstliche dem Echten vor. Nehmen wir die gleichmäßig braunen, gleichmäßig geformten und gleichmäßig nach gekochtem Tennisschuh schmeckenden Fischstäbchen aus der Tiefkühltruhe: Keine frischgefangene Scholle oder Forelle wäre in der Lage, auch nur annähernd die Beliebtheit der braunen Dinger zu erreichen. Oder: Eine ganze Nation glaubt, Käse vor sich zu haben und Käse zu schmecken, wenn sie dünne, weißlichgelbe Scheiben einer gummiartigen, halbtrockenen, nicht brennbaren und nach abgestandener Luft schmeckenden Substanz aus der Plastikpackung klaubt und in den Mund steckt. Tatsächlich wird dieses Zeug als Käse verkauft; die gleichnamigen wagenradgroßen, schweren Rundstücke, die noch dann und wann von einem schweizer Berg zum Bahnhof gerollt werden, betrachtet der Konsument, sollte er sie je zu Gesicht bekommen, mit Mißtrauen. Ihr Geschmack erscheint ihm sonderbar und der Geruch verdächtig. Eben: nicht künstlich. Ob die Hausfrau einen fahlen Eisklumpen aus der Tiefkühltruhe hebt und glaubt, ein Huhn in der Hand zu haben; ob wir eine Flasche sizilianischen Rotwein kaufen, der nicht aus Sizilien stammt und kein Wein ist – das Artifizielle ist Trumpf!

Daß die Vorliebe für das Künstliche nicht auf Lebensmittel beschränkt bleibt, ist einleuchtend. Schon vor 90 Jahren beschrieb Huysmans, wie sein auf Künstlichkeit versessener Romanheld Des Esseintes ein Diner entwarf, bei dem nicht nur die Speisen schwarz waren, sondern auch Teller, Tassen, Besteck und Mobiliar. So konsequent ist man heute zwar nicht mehr, nicht einmal in Bayern, aber für den konservativen Opernfreund zum Beispiel ist der Liebestod zweier Menschen bei Trompetenklang vor ausverkauftem Parkett durchaus akzeptabel. Verlangt aber die eigene Tochter nur eine Taschengeldzulage, damit sie sich die Pille kaufen kann – er würde ihr ganz andere Flötentöne beibringen!

Den richtigen. Ton gefunden hat endlich, ein deutsch-französisches Forscherteam, dem es gelungen ist, den Überschallknall künstlich zu erzeugen. Die Zeit des echten Knalls, mit dem Starfighter die Fensterscheibe scheppern lassen, wird damit wohl vorbei sein. Ob man den künstlichen auch in Dosen kaufen kann, steht noch nicht fest. Jedenfalls kann man sicher sein, daß hier eine Marktlücke entdeckt wurde, und, was besonders wichtig ist: es ist eine künstliche.