Gegenüber der Kulturberichterstattung in den anderen Medien, im Fernsehen, im Funk, im Buch, nehmen sich die Feuilletons der deutschen Presse mit völliger Selbstverständlichkeit das letzte Wort heraus. Sich selbst gegenüber bewahren sie Stillschweigen. Ob ein Fernsehfeature, zum Beispiel über die Buchmesse, intelligent und zweckvoll eingerichtet war, darüber zerbricht man sich am nächsten Tag in allen Feuilletons den Kopf; für die Frage, wie die Feuilletons mit dem gleichen Thema fertig geworden sind, für die kritische Widerspiegelung der Kulturpresse ist niemand zuständig. Und gäbe es im Feuilleton öfter Artikel übers Feuilleton, so würden viele sie für krankhaft halten – für typisch feuilletonistischen Exhibitionismus oder Masochismus oder beides.

Dabei gibt es Gründe, die das Feuilleton zur Selbstreflexion nicht nur ermächtigen, sondern geradezu verpflichten könnten.

Einmal ist keine andere journalistische Sparte so oft für überholt und tot erklärt worden wie das Feuilleton; steht keine so unsicher zwischen den großen Blöcken der Realien. Man braucht nur genauer hinzuhören, welchen Klang allein das Wort schon hat. Wahrigs "Deutsches Wörterbuch gibt als einzige Definition für den Feuilletonisten: "oberflächl., unwissenschaftl. arbeitender Schriftsteller". Schriftsteller, nicht Journalist; oberflächlich, nicht seriös: Anmaßung und Abwertung in einem.

Zweitens hat das Feuilleton in den letzten zehn Jahren stärkere Metamorphosen durchgemacht als andere journalistische Domänen. Es hat in seinen Inhalten wie in seinen Formen heftiger – die einen werden sagen: opportunistischer, die anderen: sensibler – auf die rebellischen Stimmungen der späten sechziger Jahre reagiert und ist um so auffälliger wieder brav geworden. Übriggeblieben sind ein paar Modevokabeln und hier und da jene pseudodialektischen Volten, die etwas in sein genaues Gegenteil umdeuten können – zum Beispiel einen bewußt "antibürgerlichen" Affekt in eine ganz besonders penetrante Spielart der Bürgerlichkeit.

Drittens ist das Feuilleton dazu da, nicht nur über Inhalte, sondern auch über Vermittlungsformen nachzudenken. Sprachattitüden etwa fallen in seinen Zuständigkeitsbereich; eingeschlossen die eigenen.

Viertens hat das Feuilleton Chancen und Beschwernis relativer Offenheit: Die Themen, mit denen es sich beschäftigt, die Formen, die es benutzt, sind ihm weniger als anderen Ressorts durch Chronistenpflicht und Gewohnheit vorgeschrieben. Sein Spielraum ist größer.

Fünftens schließlich hat das Feuilleton auf mindestens einem Gebiet eklatant versagt: Es ist ihm bisher nicht gelungen, eine Brücke zwischen den Kulturwissenschaften und seinem Leserpublikum zu schlagen. Es gibt so gut wie keinen Feuilletonjournalismus, der über Fragen der Linguistik oder Erkenntnistheorie oder Anthropologie kompetent, allgemeinverständlich und nicht subaltern unterrichtete. Im Unterschied etwa zu den Fachleuten in angelsächsischen Ländern halten es die meisten hierzulande nach wie vor für unnötig oder geradezu anrüchig, ihre Sache so zu erklären, daß ein breiteres Publikum sie versteht; ein Umberto Eco ist in Deutschland nirgends in Sicht. Diese Kluft bewirkt ein wachsendes Informationsdefizit, und sie verurteilt den Feuilletonismus mehr als nötig zur persönlichen Anmutung. Die Unterhaltsamkeit des Verstehens bleibt in Deutschland noch zu entdecken. Für Wissenschaftler, Journalisten und Leser könnte diese Störung des Informationskreislaufs aber eines Tages zur Katastrophe werden. Auch darum ist die eigene Sache der Feuilletonisten nicht nur ihre eigene. Dieter E. Zimmer