Das Feuilleton – ein Ding mit Zukunft?

Von Hermann Glaser

Um diesen Essay über das Feuilleton "feuilletonistisch" zu beginnen: Ich versetze mich zurück in die Zeit der "Trümmerjahre"; internationale Studentenbühnenwoche in Erlangen; ich war einer der jüngeren Kriegsheimkehrer, aber diesen im äußeren und geistigen Habitus einigermaßen entsprechend; man trug Klamotten, wie sie die jeunesse protestee unserer Zeit oft nur mit Mühe in den Revolutionsboutiquen zu beziehen vermag; im Brotbeutel die Rotationsdrucke, die uns eine neue geistige Welt eröffneten – etwa Kafka, Brecht, Hemingway, Faulkner, Langgässer.

Da sah ich zum erstenmal bewußt den Feuilletonisten leibhaftig vor mir – und angesichts seiner Aura verstärkte sich für uns Germanistikstudenten, die wir dem Trauma der alten Schulstube ("Wanderer, kommst du nach Spa...") zu entfliehen suchten, die Sehnsucht, eines Tages seinesgleichen zu sein. Er saß in der Nachmittagssonne im Garten des Café Mengin; kam wohl aus dem Umkreis der "Neuen Zeitung" oder des "Monat". Ich weiß nicht mehr, war es Werner, Jaesrich, Richter, Lasky, Borkenau (der neben seinen politischen starke ästhetische Interessen hatte), Schneider-Scheide; einer von denen, deren Artikel und Besprechungen ich mir exzerpierte; und bis heute "verzettele" ich die Feuilletons der großen Zeitungen. Er saß dort – leicht amerikanisiert; smart; Lucky Strike in der Hemdentasche; Sonnenbrille (wie sehnlich suchten wir dieses Requisit intellektuellen Prestiges uns zu ergattern!). Er saß dort so um 14 Uhr, bis er kurz danach in die Orangerie einzog, um mit anderen Kritikern und dem Publikum die Produktionen des vergangenen Abends zu diskutieren: klug; kritisch; Etüden auf der Klaviatur seines abendländischen und kosmopolitischen Wissens.

Wir waren demgegenüber so arm; bei Carossa oder Hauptmann hängengeblieben; ideologisch verschüttete Klassiker im Kopf; aber voller Aufbruchstimmung. Der Feuilletonist war die Freiheitsstatue, die uns den Einzug ins gelobte Land geistiger Umwertung signalisierte.

Angesichts der feuilletonistischen Personnage kurz nach der Stunde Null haben uns die "klassischen" Feuilletonisten der Weimarer Zeit weniger interessiert; gewiß waren nach dem abgrundtiefen Provinzialismus der Nationalsozialisten Polgar, Tucholsky, Kerr, Kesten, Kraus von Reiz. Wie sie mit der Sprache spielten, in Sprache dachten, über ein Komma sich echauffierten, vermochte uns aus dem Blut-und-Boden-Mief herauszuheben. Aber wir vermißten, wenn nicht die "Tiefe", so doch die Vermittlung existentieller Absurdität, nach der uns der Sinn stand. Nicht das "Leichte", der Stein des Sisyphos wog.

Es geht hier nicht um nostalgische Reminiszenzen oder eine zeitgeschichtliche feuilletonistische Typologie – aber wer nach der Leistung und nach der Misere des Feuilletons fragt, kann an den Personen nicht vorbeikommen. Namen sind dabei freilich nur exemplarisch zu verstehen; bei aller Individualität lassen sich Gruppen diagnostizieren. Auch wenn ich somit nachfolgend meine Beobachtungen gelegentlich persönlich einfärbe – den Personen will ich deshalb nicht zu nahe treten (sie sind, da sie nun einmal empfindsam sind, auch sehr empfindlich, die Feuilletonisten!).