Die Mütter, die sie zeichnet, sehen aus wie liebe, dicke, ein bißchen alt gewordene Schlafpuppen; auf den Gesichtern der jüngeren Männer wohnen der Friede und die Freundlichkeit von (intelligenten) Gartenzwergen; und selbst die älteren Männer und Väter ("Spießer" wäre da wohl das richtige, böse Wort) geratenihr weniger widerlich als bekümmert und hilfsbedürftig. Und noch ein bezeichnendes Detail: Die Sprechblasen in ihren Bildergeschichten haben keine festen, entschlossen durchgezeichneten Ränder, sondern bauschen und kringeln sich wie Schönwetterwolken. In den Zeichnungen der Marie Marcks (die nun in einem Bilderbuch des Starnberger Werner Raith Verlags gesammelt sind: "Marie Marcks informiert: Weißt du, daß du schön bist!"; 77 Seiten, 10,80 DM) ist Sanftmut, Verspieltheit, ein Hauch von Idylle. So viel zeichnerische Zartheit ist schon erstaunlich bei einem Buch, das nichts anderes ist als eine Fibel für die Emanzipation der Frauen; die meisten amerikanischen Comics für Frauen-Power etwa sind wütend gemeinte, vulgär gezeichnete Bilderpamphlete. Aber Marie Marcks hat sich bei ihren anmutigen Attacken auf Männerhochmut und Mutters Gluckenglück und -elend offenbar viel weniger von Amerikas "militanten Panthertanten" inspirieren lassen als von Sempés graziöser Flüchtigkeit. Besonders auffällig sind diese Zeichnungen nicht und überhaupt nicht tiefsinnig. Aber es gelingt ihnen eine ziemlich seltene Synthese: bösartig zu sein und liebenswert. Oder, in einem Wort: vernünftig. Benjamin Henrichs