Wer jemals die Loire mit ihren Nebenflüssen oder die vielen Kanäle in Burgund gesehen hat, der wird angesichts dieser einzigartigen Assemblage von romantischer Natur, historischer Kultur und überall gegenwärtigen, kulinarischen Verlockungen, sich eine Flußfahrt als Traumreise vorgestellt haben. Dieser Traum ist jetzt realisierbar. Zumindest auf den vielen Kilometern der burgundischen Kanäle kann man tage- oder wochenlang im gemieteten Boot fahren und wohnen. Die Reederei "Nautour" in Auxerre vermietet verschieden große Hausboote. Nautische Kenntnisse sind nicht erforderlich.

Auxerre liegt an der Yonne, 160 Kilometer südlich von Paris an der Autobahn nach Lyon, nur zwölf Kilometer von Chablis entfernt. Um 15.30 Uhr unterweist mich ein Mechaniker in der Handhabung des Bootes, unter seiner Kontrolle drehe ich eine Proberunde auf der Yonne, und eine halbe Stunde später steuere ich die "Naute de Saone" in Richtung Süden.

Das Boot ist 8,20 Meter lang und 2,90 Meter breit. Es ist ein Vier-Personen-Boot, zur Not könnten hier sogar fünf Menschen schlafen. Aber wir sind nur zu zweit. Die Dame, die mich wie immer begleitet, hat mir in seemännischer Hinsicht viel voraus: Ihr Urgroßvater steuerte 1910 als Kapitän die 19 000 Tonnen große "Kaiser Wilhelm II" über den Atlantik und gewann das Blaue Band. Doch auf der Yonne ist kein Geschwindigkeitsrekord aufzustellen. Die Höchstgeschwindigkeit ist auf sechs km/st begrenzt.

Halb unter und halb über Deck, überdacht und durch große Fenster und Luftklappen mit der Außenwelt verbunden, sind zwei Kabinen. Die im vorderen Teil des Bootes ist so klein, daß es gerade für zwei spitzwinkelig zueinanderstehende Schlafgelegenheiten und ein kleines Waschbecken reicht. Davor ein winziger Flur mit Klo und Einbauschränken. Die hintere Kabine bietet zwei, eventuell drei Personen Platz zum Schlafen, hat einen kleinen Tisch (ausklappbar), Gasherd, Spülbecken, viele kleine Einbauschränke, Töpfe, Besteck, Geschirr aus braunem Glas. Das Ruderhaus liegt in der Bootsmitte und ist dem Führerstand einer alten Lokomotive nicht unähnlich: vorne überdacht, hinten offen. Dort steht auch ein Eisschrank, und unter den Bodenbrettern tuckert der Motor und stinkt. Überhaupt stinkt hier alles nach Dieselöl.

Ein Sturz in den Kanal wäre doppelt unangenehm. Zu der normalen Gefahr des Ertrinkens käme der Schock durch den Schmutz. Das Wasser ist dunkelbraun-grün und schon an der Oberfläche undurchsichtig. Weniger vielleicht durch Industrieverschmutzung getrübt als durch die Natur, die ja nicht grundsätzlich sauber ist. Algen, Gräser, Schilf, Kräuter und Blütenflocken treiben auf der Oberfläche träge dahin und machen das Baden illusorisch.

Der Wasserweg, den wir von Auxerre aus gewählt haben, ist eine Kombination aus der Yonne und dem Canal du Nivernais, die sich durchschnittlich alle 1000 Meter zu einem etwas breiteren Gewässer vereinigen und wieder trennen. Durchschnittlich alle 1000 Meter auch wartet auf den Flußschiffer eine Schleuse.

Diese ständigen Begegnungen mit einer 150 Jahre alten Technik bieten die gleiche Abwechslung, als hätte man beim Autofahren alle zehn Minuten einen Reifenwechsel zu absolvieren. Es ist, wenigstens in den ersten Tagen, nicht ganz einfach; es ist dreckig und strengt an. Da wir kanalaufwärts fahren, bedeutet das, daß wir in die leere Schleuse einfahren, sich hinter uns das Tor schließt und das danach einfließende Wasser unser Boot hochhebt bis zum Pegelstand der nächsten 1000 Meter Wasserstraße. Dann wird das vordere Schleusentor geöffnet. Damit das einfließende Wasser unser Boot nicht gegen ein Tor drückt, muß mindestens eine Bootsleine um einen Eisenpflock gebunden werden. Außerdem erwartet der Schleusenwärter, daß man ihm beim Auf- und Zudrehen der Schleusentore hilft.