Auf Richard Nixon wartet der Schuldspruch der Geschichte

Von Dieter Buhl

Die Geste, mit der er sich in Washington als Präsident verabschiedete, gab das letzte Rätsel auf: die Arme ruckartig, triumphierend hochgerissen, die Finger zum Victory-Zeichen gespreizt – und das in der Stunde der bittersten Niederlage. Wollte Richard Nixon anzeigen, daß er mit dem lange hinausgezögerten Rücktritt nun endlich den Sieg über sich selbst errungen hatte? Fühlte er sich noch immer als Sieger über vermeintliches Unrecht und unverdiente Schmach? Oder versuchte er mit der gewohnten Pose nur der Traurigkeit zu entfliehen, die Leere des Abschieds von der Macht zu füllen?

Nixons Abschiedsszene auf der Washingtoner Bühne war schillernd wie so viele seiner Handlungen zuvor. Er verbarg sich hinter einer Maske noch, als der Vorhang fiel. Er nahm ein Geheimnis mit in das Exil von San demente, das politische Freunde und Gegner, Psychologen und selbst Psychiater nie ganz haben lüften können: Was für ein Mensch ist Richard Nixon? Woran glaubt er? Wofür kämpft er?

Bei keinem seiner Amtsvorgänger der jüngeren Vergangenheit haben sich ähnliche Fragen in solcher Dringlichkeit gestellt. Sie waren menschlich greifbar, mit ihren persönlichen Stärken oder Schwächen einzuordnen in das Koordinatensystem vertrauter Urteile und Vorurteile: der Patrizier Franklin D. Roosevelt, der mit Härte und Klugheit Amerika veränderte; der Krämer Harry Truman aus dem Mittleren Westen, der über sich selbst hinauswuchs; der Volksheld Eisenhower mit seiner gelassenen Menschlichkeit; John F. Kennedy, der bewunderte und befeindete Messias aus Massachusetts; der texanische Riese Lyndon Johnson, der trotz all seiner Gerissenheit und all seinem Geschick an Vietnam scheiterte.

Richard Nixons Porträt hingegen weist viele Brüche auf. Obwohl er, mit einer kurzen Unterbrechung, seit mehr als einem Vierteljahrhundert im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht, blieb der Mensch hinter den wechselnden Ettiketten verborgen: eine Sphinx mit verkrampftem Lächeln. Der unerbittliche Kämpfer und gewiefte Politiker, der aktionsbesessene Staatsmann und und der erbärmliche Lügner im Weißen Haus – dies alles ist Richard Nixon. Die einzelnen Züge seiner politischen Physiognomie wollen sich nicht zu einem fugenlosen Charaktermosaik zusammenfügen.

"Ich glaube an den Kampf"