Er glaubte an Hitler, und Millionen von Pimpfen und Mädels glaubten ihm: Baldur von Schirach, dem verführten Verführer. Der Diktator hatte sich eine Jugend gewünscht, "vor der sich die Welt erschrecken wird – eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend". Schirach hat sie ihm zugeführt – erst die Studenten, dann die Bünde und Vereine, schließlich alle.

Dieser ewige Jüngling aus gutem Hause glich eher dem von ihm verachteten Muttersöhnchen als dem Idealtyp des nordischen Herrenmenschen, den er heranziehen wollte. Er bezauberte die Jugend mit so verschwommenen Begriffen wie Führer, Volk, Vaterland und Ehre; er besang in Liedern, die er im Alter selber als schlecht einstufte, Kameradschaft, Opfergeist und Todesmut. Aber die Wald-, Wiesen- und Sternenhimmelromantik des Wandervogels wurde nur zu bald verdrängt von der ehernen Disziplin des totalitären Staates. Statt lyrischer Töne gebrauchte Schirach zusehends prosaischere Worte: Schulung, Ertüchtigung, Ausrichtung.

Jugend sollte von Jugend geführt werden; dieser Satz ließ Zehnjährige aufmüpfig werden – gegen Elternhaus, Schule, Kirche, doch nicht in der Staatsjugend, wo von klein auf blinder Gehorsam herrschte, sturer militärischer Drill an der Tagesordnung war, wo die Begeisterung in Fanatismus umgeschmolzen wurde, manchmal auch mit Hilfe von Terror wie Strafexerzieren, Spießrutenlaufen, KZ-Androhung. Die Jungen sangen inbrünstig, was Schirach gedichtet hatte, daß die Fahne mehr sei als der Tod – bis das Grauen sie eingeholt hatte, auf den Schlachtfeldern von Stalingrad und El Alamein, vor Caen und an der Pichelsdorfer Brücke. Ihr Reichsjugendführer aber, ein unpolitischer Tor im eitlen Gewande geliehener Macht, hat bis ans Ende seiner Tage nicht einsehen wollen, daß dieser sinnlose Opfertod die Folge auch seiner Erziehung gewesen ist.

Schirach hat sich 1945 selber gestellt und die "Verantwortung" übernommen. Seinen fünfzehnjährigen Unterführern, die von den Alliierten eingesperrt wurden, half er damit nicht. Auch bewahrte ihn sein Schuldbekenntnis vor dem Nürnberger Tribunal nicht vor zwanzig Jahren Spandau, die er vornehmlich deswegen zu verbüßen hatte, weil er als Gauleiter von Wien die Verschleppung von 60 000 Juden in die Vernichtungslager nicht verhindert, vielmehr als "aktiven Beitrag zur europäischen Kultur" gefeiert hatte.

Er fand nicht den Mut, rechtzeitig gegen das Verbrechen aufzubegehren, beizeiten zu seiner Verantwortung zu stehen. Und nicht zu der Selbsterkenntnis, daß nach seiner Entlassung aus Spandau ihm Schweigen besser angestanden hätte als entlarvende Fernsehauftritte und hochhonorierter Memoirenklatsch. An seinen Qualitäten gemessen, im Guten wie im Bösen, feine beinahe belanglose Figur der Zeitgeschichte – doch gerade seine Harmlosigkeit machte ihn für das Hitler-Regime so brauchbar. Kj.