Die libysche Regierung verfügt über Material, "dessen Veröffentlichung Präsident Sadat den Schlaf rauben würde". Das sagte Oberst Ghaddafi, Vorsitzender des libyschen Revolutiorsrates, am Sonntag in einem Interview. Es war die Antwort auf den scharfen Brief des ägyptischen Staatspräsidenten, der Libyen in der vergangenen Woche für alle Belastungen zwischen den beiden arabischen Nachbarn verantwortlich gemacht hatte. Damit hat das spannungsreiche Freund-Feind-Verhältnis der arabischen Nachbarn einen explosiven Zustand erreicht.

In Sadats Brief war aufgezählt worden: Feindselige Propaganda gegen Ägypten; Mordanschläge und Sabotageakte durch gedungene Täter; Schikanen gegen ägyptische Schiffe und Reisende in libyschen Häfen; entwürdigende Behandlung ägyptischer Fachlette in Libyen und schließlich Ghaddafis Verlangen, daß die ausgeliehenen Mirage-Flugzeuge zurückgegeben werden.

Zu den Spannungen zwischen beiden Ländern kommt damit noch ein internationaler Skandal; denn Sadat hat hier erstmals bestätigt, was die Israelis schon immer behauptet haben: ein Teil der an Libyen verkauften französischen Mirage-Flugzeuge seien im Oktoberkrieg vertragswidrig in Ägypten stationiert worden. Frankreich hatte im Kaufvertrag die Weitergabe untersagt und stets bestritten, daß dies geschehen sei. Paris, nunmehr mit der peinlichen Wahrheit konfrontiert, ließ durch Außenminister Sauvagnargues erklären: Waffenlieferungen in den Nahen Osten müßten überprüft werden.

Über Sadats Gründe, das Geheimnis preiszugeben, wird vor allem in der arabischen Presse spekuliert. Libanesische Zeitungen kritisieren wegen des noch nicht beendeten Kriegszustandes nicht nur dieses Eingeständnis, sondern halten auch Sadat verantwortlich für die jüngste Konfrontation der beiden Politiker. Er wird ermahnt, das "Feuer auszutreten, bevor es sich weiter ausbreitet".

Diese Gefahr besteht. Sadat hat nicht nur alle militärischen Spezialisten aus Libyen zurückgerufen, wie es in Tripolis heißt; er soll auch die libysche Regierung aufgefordert haben, Ghaddafi bis zum 18. August seiner Ämter zu entheben, damit ein neues Kapitel in den Beziehungen beider Länder beginnen könne.

Seit der jetzt 32jährige Oberst die libysche Szene beherrscht, waren diese Beziehungen stets unruhig. 1971 kam es zu einer "Konföderation arabischer Staaten", der außer Ägypten und Libyen auch Syrien angehörte. Im Juli 1973 drängte Ghaddafi seinen Nachbarn mit solchem Ungestüm zu einer Fusion beider Länder, daß Sadat eine Straße durch Sprengung blockieren lassen mußte, um einen Demonstrationszug libyscher Einheitsenthusiasten zu stoppen.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte der kühle Ägypter erkannt, daß der unberechenbare Oberst kein Partner für eine gemeinsame Politik sein könne. 1973 schreckte auch Libyens westlicher Anliegerstaat Tunesien im letzten Moment vor Ghaddafis forciert betriebenem Unionsplan zurück.

Ghaddafi versichert in dem Interview vom Sonntag, die Kontroverse mit Präsident Sadat sei nicht persönlicher Art; sie beruhe auf Meinungsverschiedenheiten über die Kriegs- und Friedenspolitik im Nahen Osten. Tatsächlich gibt es hier kaum überbrückbare Differenzen, da Sadat Israel als Tatsache nimmt, Ghaddafi aber immer noch glaubt, daß es "in zwölf Stunden vernichtet werden könnte, wenn die Araber sich auf eine einheitliche Strategie einigten". Dazu kommen noch die grundverschiedenen Temperamente der beiden Staatsmänner: Der ältere Sadat hat einen nüchternen Sinn für das Mögliche in der Politik, der jüngere Ghaddafi dagegen hält die arabische Welt seit 1969 mit religiösem Fanatismus, rückschrittlicher "Kulturrevolution" und charismatischem Sendungsbewußtsein in Atem.