Von Franxjois Bondy

Der Mexikaner Carlos Fuentes – Jahrgang 1928 – ist einer der bekanntesten, international erfolgreichsten Romanciers Lateinamerikas. Ich wünschte, die deutsche Veröffentlichung seines ehrgeizigen Romans aus dem Jahr 1960 –

Carlos Fuentes: "Landschaft in klarem Licht", Roman, aus dem Mexikanischen von Maria Bamberg; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1974; 484 S., 28,– DM

wäre ein Anlaß, die Abneigung oder Interesselosigkeit der Leser des deutschen Sprachbereichs gegenüber der lateinamerikanischen Literatur wieder einmal zu beklagen; denn trotz des hohen Ansehens von Borges unter den älteren, von García Márquez unter den jüngeren Erzählern bleibt hier eine beklemmend große Lücke. Es wäre nicht gerecht, sie nur den Verlegern zum Vorwurf zu machen – denn gewiß hat Luchterhand nur ungern darauf verzichtet, die späteren und bedeutenderen Werke seines Autors Julio Cortázar zu betreuen; der großartige Juan Rulfo bleibt ein Geheimtip, fehlt auch in Rowohlts Literaturlexikon; und die Verhaftung des bedeutenden Erzählers Carlos Onetti in Uruguay ist hierzulande fast unbemerkt geblieben.

Doch wäre es verkehrt, diesen Mangel an Aufmerksamkeit zu kompensieren, indem an die lateinamerikanischen Erzähler andere als die strengsten Maßstäbe angelegt würden, als Zeichen unkritischen Wohlwollens. Gegenüber einer Literatur mit so vielen Autoren ersten Ranges wäre das beleidigend. Es ist kein Urteil über diese Literatur und auch nicht über Carlos Fuentes, wenn sein jetzt auch deutsch vorliegender Roman ohne Begeisterung angezeigt wird.

Ehrgeizig ist dieser Roman allerdings: Er bringt eine Fülle von Figuren aus der neureichen Gesellschaft einer erstarrten Revolution ins Spiel sowie solche, die den Anschluß an diese Gesellschaft vermeiden oder verpassen. Der Roman strebt zudem durch Rückgriff auf die Vergangenheit – Erschießung von Revolutionären, deren Söhnen wir jetzt begegnen – nach geschichtlicher Tiefe. Da wird auch der Snobismus, die Anmaßung der früheren Gutsbesitzer und der nach Paris blickenden Intellektuellen verspottet.

Das ist ein Gruppenbild mit vielen Damen – darunter Norma, die den Bankier Federico Robles ohne Liebe heiratet, dazu dessen blinde Mätresse, ferner Prostituierte, Mütter... Geboten wird zweierlei: ein Fresko der Gesellschaft der Hauptstadt; und eine poetische Meditation über ein Volk, das noch "mit den Zähnen am Ureuter hängt". In lyrischer Prosa ruft Fuentes das Bild der "aufgeschwollenen Stadt ohne Gedächtnis" herauf, "einen Gipsfrosch, der mit seinem Hintern auf der dürren Erde und der versunkenen Lagune hockt, Wein aus Neonlicht, Gesicht aus Zement, aus Asphalt, wo die Schlachthäuser der Prostitution Tag und Nacht arbeiten, die Schlagadern mit Abfall und Geldscheinen stopfen und den Mond melken und die Spuren verwischen".