Von Helmut Schneider

Auf die Umfrage einer Kunstzeitschrift über Kubismus hat der spanische Maler Juan Gris geantwortet, er habe sich diese stilistische Kategorie "keineswegs bewußt, nach reiflicher Überlegung" angeeignet, er habe lediglich "in einem gewissen Geiste" gearbeitet, der ihn "zum Anhänger dieser Richtung stempelte". Auch in einem Brief an den Kunsthistoriker Carl Einstein hat Gris Zweifel geäußert an seiner Zugehörigkeit zum Kubismus: "Ich weiß nicht, ob man diese Ästhetik, diese Technik und diese Methode Kubismus nennen kann. Auf keinen Fall geht es mir darum, zu einer bestimmten äußeren Erscheinungsform zu gelangen, sei sie nun kubistisch oder naturalistisch."

Gris hat diese Überlegungen zum Standort seiner Malerei erst spät formuliert, als Sechsunddreißigjähriger, drei Jahre vor seinem Tod, und es mag sein, daß ihm der Abstand seiner Kunst zu der üblicherweise als "kubistisch" klassifizierten erst im Rückblick ganz deutlich geworden ist – an der Tatsache, daß sich Gris mit voller Berechtigung als Sonderfall eingeschätzt hat, ändert sich dadurch nichts. Ihn mit dem Kubismus in einen Topf zu werfen, vermutlich aus Gründen historischer Koinzidenz, war mindestens fahrlässig. Bei genügender Differenzierung zwischen künstlerischer Absicht und formaler Gestaltung wird deutlich, daß der "Kubismus" von Juan Gris an einem Punkt ansetzte, der mit den Überlegungen von Picasso und Braque nicht übereinstimmte.

Die auf präzisen theoretischen Voraussetzungen basierende Malerei von Gris behauptet gerade durch diesen gedanklichen Überbau, der keineswegs als ein im nachhinein konstruiertes ästhetisches Alibi aufzufassen ist, ihre Eigenart gegenüber dem Kubismus Picassos und Braques. Mit welcher Konsequenz Gris seine Überlegungen zur Kunst in seiner Kunst verwirklicht hat, ist nun – bis zum 29. September – in der Kunsthalle Baden-Baden zu verfolgen: Hans Albert Peters, dem neuen Leiter der Kunsthalle, ist es gelungen, die Juan-Gris-Retrospektive, die bis vor einigen Wochen in der Pariser Orangerie gezeigt wurde, kurzfristig zu übernehmen, wenigstens in wichtigen Teilen; Leihgaben, die nicht mehr verlängert werden konnten, sind durch andere, in Paris nicht ausgestellte Werke aus Privatbesitz ersetzt. Nach der Retrospektive in Alfred Flechtheims Berliner Galerie (1930) und den Ausstellungen in Dortmund und Köln (1965/66) ist diese schöne und wichtige Werkübersicht in Baden-Baden nun die dritte (und vermutlich letzte) umfassende Präsentation des Œuvres von Juan Gris in Deutschland. Die Ausstellung ist Daniel-Henry Kahnweiler, dem Freunde, Biographen und Kunsthändler des Malers, zum 90. Geburtstag gewidmet.

"Die Familie Juan Gris’ ist katalanischer und andalusischer Herkunft. Juan Gris wird am 23. März 1887 in Madrid geboren. Allgemeine Studien. Kunstgewerbeschule. Entschließt sich, Maler zu werden. Tritt nicht in die Ecole des Beaux-Arts ein. Kommt 1906 nach Paris. Da er dort niemanden kennt, sucht er Picasso auf (Picasso am Ende seiner rosa Periode und zu Beginn der Neger-Periode). Gris erlebt die Entstehung des Kubismus mit, schließt sich ihm kurz darauf an und stellt zum erstenmal 1912 im Salon des Indépendants aus."

José Victoriano Gonzales, der sich Juan Gris nannte, hat diesen kurzen Lebenslauf im Jahr 1921 verfaßt – der Pseudonymen Veröffentlichung wegen in der dritten Person. Schon in Madrid und auch während der ersten Jahre in Paris zeichnete Gris für karikaturistische Zeitschriften, 1911 begann er zu malen. Es stellt sich die Frage, aus welchem Grund Gris, der mit Picasso unter einem Dach wohnte und so dessen künstlerische Revolution unmittelbar miterlebte, selber erst relativ spät zu Pinsel und Farbe gegriffen hat. Seine ersten Arbeiten geben die Antwort: Gris hat in ihnen nicht nachvollzogen, was um ihn herum künstlerisch geschah, er hat den Kubismus beiseite gelassen und ist zu Cézanne zurückgekehrt, hat noch einmal, wie es auch die Kubisten getan hatten, die Kunst Cézannes analysiert – und ist dabei zu anderen Ergebnissen gekommen. Die Kubisten präparierten eine in der Kunst Cézannes vorhandene formale Methode heraus, Gris entdeckte darin ein bildnerisches Prinzip – jenen nicht in der Anschauung vorgegebenen Raster der Bildstruktur. Gris hat daraus den Schluß gezogen, daß das Bild, das auf einer Fläche entsteht, nur insoweit es wirklich flächig bleibt, auch Bild werden kann.

Nach ersten Versuchen, das Körperhafte der Gegenstände aufzulösen in diagonal einfallendem Licht ("Deckelgefäß, Flasche und Glas", 1911), und der weiterführenden Überlegung, die Raumillusion durch Ineinanderschieben der Bildgegenstände, Personen oder Objekte, aufzuheben ("Bildnis Germaine Raynal", 1912), hat Gris in dem Stilleben "Die Uhr" (1912) eine vorläufig endgültige Lösung gefunden: Alle Gegenstände, gleich von welcher Seite sie "gesehen" sind, werden auf geometrische Formen reduziert und in die Fläche geklappt.