Trotz der billigen Lira bleiben die Touristen aus

Seit sechs Wochen sinkt der Kurs der Lira. Dennoch kommen weniger Urlauber ins Land. In Europa wird in diesem Jahr unter dem Zeichen von Inflation und Energiekrise am Urlaub gespart. Aber was in Spanien und Jugoslawien wie ein leichter Rückschlag erscheint, den die Devisenkassen dieser Länder verschmerzen können, droht sich in Italien zu einem gähnenden Loch in der Zahlungsbilanz auszuwachsen. Vier Milliarden Mark ließen bisher alljährlich 30 Millionen Besucher in Italien.

Seit einigen Jahren schon melden klassische Fremdenverkehrsgebiete wie die Riviera, daß weniger Ausländer, vor allem weniger Deutsche, längeren Aufenthalt nehmen. Mangelnde Bademöglichkeiten, eine unzulängliche Infrastruktur und die zunehmende Verbauung der Landschaft erklärten diese Entwicklung. Indes: Inländische Touristen glichen in der Vergangenheit das Defizit aus. In anderen Gegenden, wie am klassischen "Teutonengrill", in Neckermann-Prospekten schlicht "deutsche" Adria genannt, und vor allem in den neu entdeckten Naturlandschaften Sardinien und Süditalien nahm die Zahl der Auslandstouristen in den letzten Jahren dagegen noch zu.

Dieses Jahr ist das erstmals anders. Der Juni brachte fast überall ein recht mäßiges Geschäft. Die Rückgänge reichen von zwanzig bis dreißig Prozent an der Adria, bis zu vierzig Prozent an der Riviera, und in einigen großen Kunstmetropolen des Landes wie Florenz, Venedig und Rom. In Florenz mußten einige Hotels schon für immer ihre Pforten schließen.

Was auch immer an Gründen für die Flaute genannt wurde, so recht erklären kann sie sich bis heute niemand. Im Gegenteil, der Fremdenverkehrsminister wunderte sich öffentlich, weshalb so wenig Touristen kommen, obwohl die Lira so billig sei wie nie zuvor. Allerdings sind auch die Preise wie nie zuvor gestiegen, so daß höchstens dann noch ein geringer Vorteil bleibt, wenn man berücksichtigt, daß auch in den anderen Ländern das Leben viel teurer geworden ist. Heute, so hatten die Fremden bald heraus, lebt man in Italien nur dann billiger, wenn man auf die üblichen Extras wie Nachtbar, essen außerhalb der Pension und andere Urlaubsfreuden verzichtet. Prompt kamen die Klagen der vielen tausend Barbesitzer und fliegenden Händler, daß die Ausländer die Taschen heuer besonders zugeknöpft halten. Zelt- und Campingfreunde brächten sich bis auf Wein und Spaghetti oftmals ihre gesamten Lebensmittel aus der Heimat mit.

Erst der Juli brachte allmählich mehr Leben an die Stände, nicht zuletzt, weil sich viele Touristen fürchteten, in die Krisengebiete Griechenland, Zypern und Türkei zu verreisen. Und im August konnten einige Pensionsbesitzer im Gebirge, am Meer und an den Seen sogar das gewinnverheißende Schild "Tutto esaurito" (alles besetzt) aushängen. Allerdings nicht überall.

Die noch verbliebenen Lücken regen zum Nachdenken darüber an, wo in der Fremdenverkehrswirtschaft Fehlentwicklungen eingetreten sind. Paradebeispiel für einen einstmals blühenden Fremdenverkehrsort, der sich durch übersteigerte Bautätigkeit selbst zum Untergang verdammt hat, ist Rapallo. Dort sind die Hotelübernachtungen in den letzten Jahren um neun Zehntel gesunken. Andere Küstenstriche wie der Gargano am Sporn des italienischen Stiefels sowie einige Plätze in Sardinien waren als Naturschönheiten für einige Zeit Geheimtips. Jetzt werden bestimmte Strände, die dort mit Luxushotels gepflastert wurden, bereits wieder gemieden.