In Japan dauert die jährliche Hauptversammlung einer Aktiengesellschaft selten länger als eine halbe Stunde. Wie schnell das Treffen mit den Aktionären über die Bühne geht, entscheiden im fernöstlichen Inselreich die Sokaiya.

Sokai heißt Hauptversammlung, Sokaiya heißen die Leute, die als "Schrittmacher" den Verlauf des Aktionärstreffens bestimmen.

Eine "geordnet" verlaufende Versammlung, zu der in der Regel wesentlich weniger Aktionäre als in der Bundesrepublik erscheinen, findet nach dem Rechenschaftsbericht des Generaldirektors und der Wahl des Vorstands (nach japanischem Aktienrecht der Hauptversammlung vorbehalten) sowie des Aufsichtsrats schnell ihren Abschluß. Verzögerung und Fragen werden als Mißtrauen, oft sogar als Angriff auf das Ansehen der Gesellschaft gewertet und sind entsprechend gefürchtet. Diese Schwäche nutzen die Sokaiya aus.

Ihre Arbeitsmethode: Auf jede nur mögliche Art – sei es durch Spionage in den Firmen oder Unterweltinformation, Gerüchte der Bestechung versucht der Sokaiya, in den Besitz von Informationen zu gelangen, deren Enthüllung für die betreffende Gesellschaft unangenehm oder peinlich sind. Das können Verfehlungen leitender Angestellter in privaten oder geschäftlichen Bereich sein, Unterschlagungen, Veruntreuungen, vertuschte Skandale, Unregelmäßigkeiten in der Buchführung ebenso wie Produktion von Waren schlechter Qualität oder Verstoß gegen Umweltschutzbestimmungen.

Mit derartigen Informationen ausgerüstet sprechen die Sokaiya bei den Gesellschaften vor – häufig, nachdem sie sich durch Erwerb einiger Aktien die Teilnahme an den Aktionärsversammlungen gesichert haben. Dabei lassen sich nur die kleinen Sokaiyas auf unverhüllte Erpressung ein. Im allgemeinen sind die Methoden wesentlich subtiler. Getarnt als Vertreter einer meist rechtsorientierten politischen Organisation beginnen sie mit einem klärenden Gespräch. Für ihre Organisation bitten sie um "Spenden" und "Beträge", oder sie versuchen für von ihnen herausgegebene Klatschblätter Subskriptionen oder Annoncen zu vermitteln.

Die Zahl dieser Sokaiya wird in Japan gegenwärtig auf etwa 1600 geschätzt. Die meisten sind bei mehreren Gesellschaften gleichzeitig "engagiert". Einige der großen Aktiengesellschaften sollen vor der Hauptversammlung Geld für jeweils tausend Sokaiya bereithalten. In Tokio allein existieren 18 Gruppen mit zusammen über 700 Mitgliedern. Und damit sind lediglich die professionellen Sokaiya erfaßt. Die Zahlen verdoppeln sich nahezu, zählt man auch die Kaishagoro hinzu, die "Betriebsschurken". Bei ihnen handelt es sich um Firmenangehörige, die sich dank der Kenntnis interner Mißstände einen "Nebenverdienst" zu verschaffen wissen. Entweder erpressen sie ihre Firma oder sie verkaufen ihr Wissen an Sokaiya.

Als die Polizei der Präfektur Osaka kürzlich mit den Managern von 16 Firmen konferierte, stellte sich heraus, daß alle bereits von den Sokaiya angegangen worden waren, elf von ihnen zahlten bereits. "Wir waren freudig überrascht, daß es noch fünf Firmen gibt, die denen nichts zahlen", bemerkte der zuständige Polizeiinspektor, der darüber klagt, daß "diese Leute nur schwer zu überführen sind". Bei Verhören fragen sie unschuldig, ob es etwa nicht erlaubt sei, Abonnements oder Werberaum für ihre Zeitungen zu verkaufen oder Spenden für ihre Organisationen anzunehmen.