Von Joachim Schwelien

Als er noch Fraktionsvorsitzender der Republikaner im Repräsentantenhaus war, trat Gerald Ford regelmäßig mit seinem Gegenpart im Senat, Everett Dirksen, in Pressekonferenzen vor die Öffentlichkeit. "Ev and Jerryshow" tauften die Reporter diese Auftritte. So sehr die beiden Mittelwestler in den politischen Überzeugungen übereinstimmten – ein stärkerer Kontrast war kaum denkbar. Hier der schon schlohweiße Senator Dirksen mit seinem vulkanisch zerfurchten Gesicht, aus dem die Freude am Lebensgenuß schmunzelte und der, literarisch beschlagen, voller Humor und Sarkasmus in stets zitatfähigen Formulierungen diese Veranstaltungen bald zum Kabarett, bald zum olympischen Forum machte – dort der steife, hochgereckte Abgeordnete Ford mit einem Kopf wie aus Eiche geschnitzt und kantigem Kinn, der in äußerst bedachtsamer Rede und nölender Stimme gestanzte Sentenzen von sich gab, die jedem Kinderlehrbuch über Verfassung, Kongreß und die Unverwüstlichkeit amerikanischer Ideale hätten entlehnt sein können.

Es war schwer, von Everett Dirksen nicht gefesselt und ebenso schwer, von Gerald Ford nicht eingeschläfert zu werden. So erklären sich wohl die sarkastischen Bemerkungen Lyndon Johnsons, der dem Abgeordneten die Fähigkeit bestritt, zwei einfache Gedankengänge zu kombinieren: "Gerald Ford ist außerstande, zur gleichen Zeit zu gehen und Kaugummi zu kauen", oder in der Variante, die auf seine Vergangenheit als talentierter Sportler anspielte: "Jerry hat ein Fußballmatch zuviel bestritten, und dabei vergaß er, den Helm aufzusetzen."

Doch derselbe, so boshafte Johnson berief Ford als eines der beiden republikanischen Mitglieder in die Warren-Kommission, die den Bericht über die Ermordung Präsident Kennedys erstattete, und bei einem Empfang im Weißen Haus legte er gemütvoll die Arme um Frau Betty Fords Schulter und vertraute ihr an: "Ich wünschte, wir hätten mehr Abgeordnete im Kongreß wie Ihren Mann." Das war ganz ehrlich gemeint, denn wenn der neue, 38. Präsident auch ein Mann langsamer Entschlüsse sein mag, er besticht durch zwei Tugenden, die ihm – nach dem Trauma der Nixon-Jahre mit Watergate noch mehr als vorher – die Herzen der Amerikaner erschließen: Offenheit und Redlichkeit. Dazu gesellt sich eine Konsistenz der Überzeugungen, die beharrliches Festhalten an seinen Plänen und Gradlinigkeit in der Innen- und Außenpolitik verspricht. Von Gerald Ford ist weder Sprunghaftigkeit zu erwarten noch bloße Sturheit.

Ford hat in seinen 25 Jahren im Kongreß durchaus die Kunst des Kompromisses erlernt und sich dabei sehr viel mehr Freunde als Feinde geschaffen. Als beide Häuser des Parlaments am 6. Dezember 1973 seine Ernennung zum Vizepräsidenten bestätigten, stimmten nur drei Senatoren und 35 Abgeordnete gegen ihn. Freilich erlangte Ford diese überwältigende Zustimmung nicht zuletzt deshalb, weil die meisten Demokraten davon ausgingen, er werde 1976 der denkbar schwächste republikanische Kandidat für das Amt des Präsidenten sein; der Rücktritt oder das Impeachment Richard Nixons waren damals noch nicht sicher voraussagbar.

Womöglich haben sich die Demokraten schwer verrechnet; denn Gerald Ford schwimmt zu Beginn seiner zwei Jahre währenden Präsidentschaft auf einer Woge des Vertrauens, die ihn durchaus in eine zweite Amtszeit tragen kann. Immerhin hat er im letzten halben Jahr auf Antrittsreisen durch 40 Bundesstaaten mehr als 118 000 Meilen zurückgelegt und 55 Pressekonferenzen abgehalten. Als ernannter Vizepräsident nach dem kläglichen Abgang Spiro Agnews und als automatischer Amtsnachfolger Nixons hat Ford kein Mandat durch die Volkswahl, das bisher jeden amerikanischen Präsidenten mit Ausnahme seines Vorgängers gegen alle Anfechtungen des Kongresses und die Öffentlichkeit hinreichend immunisierte. Da er sich dessen sehr bewußt ist, sucht Gerald Ford vorerst nach einem sentimentalen Substitut, verspricht, der Präsident des ganzen Volkes zu sein, garniert das Gelöbnis mit einem Hauch Überparteilichkeit und übergießt es beim Amtsantritt mit dem Schmelz seiner Frömmigkeit: "Daher bitte ich Sie, mich mit Ihren Gebeten als Ihr Präsident zu bestätigen."

Doch Gott ist auch in Amerika mit den stärkeren Bataillonen, und Wohlwollen kann sich schnell abnutzen; deshalb wird der neue Präsident schnell versuchen müssen, seine vorerst sehr schmale politische Basis zu verbreitern. Männer wie Gerald Ford mit seinen 61 Jahren sind nicht mehr wandlungsfähig; im besten Fall verfügen sie über die Fähigkeit, sich an das Notwendige anzupassen. Sein ideologischer Horizont ist eng, und was eine seiner Stärken ausmachen kann, die nahezu klebstoffhafte Beharrlichkeit, mag ihn auch am kühnen Ausschreiten hindern. "Er irrt sich beharrlich, und Konsistenz ist die Tugend kleiner Geister", bemerkte der ihm durchaus wohlgesonnene demokratische Abgeordnete Robert Drinan einmal.