Ein Mailänder Richter billigte die Besetzung einer Raviolifabrik. Städtische Beamte verkaufen jetzt die Teigwaren.

Knabberstäbchen und Ravioli müssen 150 Arbeiter der Mailänder Lebensmittelfabrik "Fioravanti" zunächst 90 Tage lang in eigener Regie herstellen und verkaufen. Für ein Vierteljahr ist das Unternehmen im Namen des Oberbürgermeisters von Mailand beschlagnahmt worden. Er unterzeichnete den Requisitionserlaß, nachdem der Fabrikant Guido Fioravanti die Schließung seines Werks und die Entlassung aller Arbeitskräfte aus Verärgerung über eine Betriebsbesetzung angekündigt hatte. Da aber Fabrikbesetzungen seit den schweren Streikunruhen von 1969 wegen fehlender gesetzlicher Bestimmungen zu einer Art Gewohnheitsrecht geworden waren, hatte der Richter nichts gegen die Besetzung und befahl, die Teigwarenproduktion aufrechtzuerhalten.

Signor Fioravanti vermochte den Richter auch nicht umzustimmen, als er ihm vorrechnete, daß er durch Streiks in den vergangenen Monaten zwei Millionen Mark verloren habe und deswegen schließen müsse. Seit dem Sommer vorigen Jahres hätten seine Arbeiter ständig die Produktion behindert und den Versand der Ware blockiert, beschwerte sich Fioravanti. Der Betriebsrat konterte, daß die Belegschaft unter anderem ihren Chef deshalb denunziert habe, weil er nach dem Beginn des staatlichen Preisstopps im Sommer 1973 die Listenpreise heimlich erhöht habe. Um es seinen Leuten heimzuzahlen, hätte er seit Februar dieses Jahres immer mehr Aufträge auf andere Unternehmen seiner Gruppe und befreundete Firmen verlagert, so daß die Produktion des Mailänder Werks um 30 bis 40 Prozent zurückgegangen sei.

Der Assessor für die kommunalen Betriebe Mailands ermahnte die versammelten Arbeiter: Als Genossenschaft mit dem programmatischen Namen "Recht auf Arbeit" müßten sie nun zeigen, daß ihr Betrieb auch mit Gewinn arbeiten kann. Allerdings dürften sie in den nächsten Tagen nicht gegen sich selbst streiken, weil ein städtisches Prüfungskomitee die genossenschaftliche Buchhaltung überprüfen wolle.

Für den Absatz der Teigwaren ist gesorgt. Überall, wo Kommunisten und Sozialisten Einfluß haben, kaufen die Betriebskantinen Nudeln und Knödel von Fioravanti. Eine befreundete Co-op-Gruppe aus Bologna lieh ihren Mailänder Unternehmergenossen kurzfristig einen sachverständigen Betriebsleiter.

Bei diesem unerwarteten Betätigungsdrang fühlt sich auch der Assessor zunehmend unbehaglicher. "Ich habe keine Lust", so sagte er, "ständig bei den Kantinen die Runde zu machen und dabei das Sprüchlein aufzusagen: Soll bei euch der Laden laufen, Gebäck bei Fioravanti kaufen." fg