Als erste der vier portugiesischen Besitzungen in Afrika erlangt Guinea-Bissau die Unabhängigkeit. Der Weltsicherheitsrat empfahl der UN-Vollversammlung am Montag einstimmig die Aufnahme der bisherigen Überseeprovinz Portugals als 138. Mitglied der Weltorganisation. Kurz zuvor war dem Sicherheitsrat ein Brief des portugiesischen Außenministers Soares zugegangen, worin dieser den baldigen Rückzug seines Landes aus Bissao ankündigte. Lissaboner Zeitungsmeldungen zufolge will Portugal die Provinz noch im August aus dem Staatsverband entlassen.

General Spinola paßt sich damit einer Entwicklung an, die er teils selber in Gang gesetzt hat, teils nicht mehr aufhalten konnte. Nachdem der General fünf Jahre lang Oberbefehlshaber in Guinea-Bissau gewesen war, hatte er im Februar in einem Buch unter dem Titel "Portugal und seine Zukunft" für eine rasche Beendung des Kolonialkrieges in Afrika plädiert, der militärisch nicht mehr zu gewinnen sei. Mit aller Vorsicht hatte er sich für eine beschränkte Autonomie der Überseeprovinzen eingesetzt und von einem portugiesischen Commonwealth gesprochen.

Der damalige Ministerpräsident Caetano erkannte klar, daß sich die afrikanischen Aufständischen mit dieser Lösung nicht mehr zufriedengeben würden. Zu weitergehenden Schritten aber konnte sich sein Regime nicht durchringen. So entließ er lieber Spinola und seine Sympathisanten – und kam darüber zu Fall.

Spinola, nun selber an der Macht, begann seine Ideen in die Tat umzusetzen, mußte sich aber von den Realitäten korrigieren lassen. Es war tatsächlich zu spät. In Guinea-Bissau war die Entwicklung am weitesten vorangegangen. Schon im September 1973 hatten sich eine Nationalversammlung und eine Exilregierung gebildet. Die Rebellen, die schon weite Teile des sumpfigen Landes kontrollierten, riefen die Republik Guinea-Bissau aus. Sofort erkannten mehr als ein Dutzend Länder den vom benachbarten Senegal aus proklamierten Staat an.

Die Regierung Spinola stand damit von Anbeginn vor vollendeten Tatsachen. Inzwischen haben bereits 107 Staaten, darunter die gesamte Europäische Gemeinschaft – also auch Bonn – Guinea-Bissau anerkannt. Der neue amerikanische Präsident Ford gratulierte am Montag beiden Regierungen, der portugiesischen und der Exilregierung von Bissau, zur bevorstehenden Unabhängigkeit nach einem halben Jahrtausend portugiesischer Herrschaft.

Der Erfolg der Rebellenbewegung PAIGC ist jedoch nicht vollkommen. Sie beansprucht nämlich, auch für die Kapverdischen Inseln mitzusprechen. Doch Portugal will diese Inseln nicht Guinea-Bissau überlassen. Präsident Spinola brachte das Problem auf die einfache Formel, auf den Kapverden gebe es keinen Krieg, und daher könne dort das Prinzip der Selbstbestimmung durch Plebiszit angewendet werden.

Beide Territorien liegen 800 Kilometer voneinander entfernt. Die Fackel des Aufstandes ist auf den bergigen Eilanden nie entzündet worden, obwohl mehrere PAIGC-Führer von dort stammen.