Ende Juli verkündete der Aufsichtsratsvorsitzende der ADIG-Investment, Dr. M. Hackl, Vorstandsmitglied der Bayerischen Vereinsbank in München: "Ich sehe zur Zeit weder in den USA noch in den anderen überseeischen Ländern, aber auch nicht in Europa eine Anlagealternative zum deutschen Aktienmarkt. Von dieser Beurteilung kann man allenfalls die Niederlande ausnehmen." In den ersten Augustwochen hat sich gezeigt, daß der Optimismus für deutsche Aktien gerechtfertigt war. Für wie lange, bleibt abzuwarten.

Die ADIG (Gesamtvermögen ihrer Fonds am 30. Juni 1974 = 2,1 Milliarden Mark) hat ihrer eigenen Lagebeurteilung in zwei Richtungen Rechnung getragen. Bei den in deutschen Aktien investierenden Fonds hatte sie am 30. Juni die für die Anlage bestimmten Mittel bis jeweils auf einen kleinen Rest "angelegt" und auch den Anteil der festverzinslichen Papiere meist verringert. Bei den "internationalen" Fonds wurde der Anteil der deutschen Aktien am Fondsvermögen zu Lasten der ausländischen Aktien aufgestockt.

Die "deutschen " Fonds der ADIG konnten sich mit ihren Anlagemitteln deshalb so stark verausgaben, weil sie einmal mit einem ständigen Zufluß neuer Mittel rechnen können. Fast 80 Prozent des Zertifikatsverkaufes entfallen auf die ADIG-Anlagesysteme, bei denen sich die Sparer zur regelmäßigen Abnahme von Investment-Zertifikaten verpflichten. Zum anderen stand bei der ADIG mit dem 1. August der Ausschüttungstermin bevor. Von den 179 Millionen Mark, die an die Investmentsparer verteilt wurden, wird erfahrungsgemäß mehr als die Hälfte sofort wieder zum Erwerb neuer Zertifikate verwandt. Das konnte in der Anlagepolitik berücksichtigt werden. Wenn nicht alles täuscht, so hat die ADIG in den ersten Augustwochen einen Teil der zurückgeflossenen Millionen bereits wieder zum Kauf deutscher Aktien eingesetzt und damit zu den eingetretenen Kurssteigerungen beigetragen.

Bevor wir, meine verehrten Leser, auf interessante Veränderungen in den Aktienportefeuilles der ADIG-Fonds (Marktanteil 18,1 Prozent, bezogen auf die Mitglieder des Bundesverbandes Deutscher Investment-Gesellschaften, dem die bedeutsamen deutschen Fonds angehören) zu sprechen kommen, noch ein Wort zur ADIG-Ausschüttungspolitik. Bei Adifonds, Adiropa, Fondak und Fondis wurden die Ausschüttungen gegenüber dem Vorjahr gekürzt.

Sie erinnern sich, meine verehrten Leser: Die Höhe der jeweiligen Jahresausschüttungen kann von den Fonds willkürlich festgesetzt werden. Sie sind kein Ausdruck einer erfolgreichen oder mißglückten Anlagepolitik. Noch immer sind die deutschen Fonds Gefangene ihrer früheren Werbung, in der Ausschüttung gleich "Rendite" hingestellt wurde. Allmählich versucht man nun, den Sparern begreiflich zu machen, daß die Ausschüttungen von Bezugsrechterlösen und realisierten Kursgewinnen nichts anderes als die Verteilung von Substanz darstellt. Das ist in Zeiten einer Aktienhausse noch zu verantworten, weil die ausgeschüttete Substanz von den Folgen der späteren Aktienbaisse verschont bleibt. Rechnet man jedoch mit einem nachhaltigen Wiederanstieg der Kurse, wie es die ADIG doch offenbar heute tut, dann geschieht die Ausschüttung von Substanz zum Nachteil der Zertifikatsbesitzer, weil die ausgeschütteten Mittel nur dann an der Kurserholung teilnehmen, wenn sie sofort reinvestiert werden.

An "echten" Einnahmen standen der ADIG wegen der in 1972 und 1973 erfolgten Dividendenkürzungen geringere Beträge zur Verfügung als im Jahr zuvor. Hinzu kommt, daß diesmal etliche große Gesellschaften ihre Dividendenzahlungen erst nach dem 1. Juli vorgenommen haben, damit der Stabilitätszuschlag vermieden werden konnte. Er wird seit Juli 1974 nicht mehr erhoben. Die verspätet gezahlten Dividendeneinnahmen können erst für das ADIG-Geschäftsjahr 1974/75 ausgeschüttet werden.

Nun ein Blick in die Portefeuilles: Deutlich sichtbar wird der Hang zu den sogenannten "erstklassigen" Papieren, also zu Unternehmen, von denen anzunehmen ist, daß sie die schwierige Periode der Konjunkturdrosselung ohne nennenswerten Einbruch der Ertragskraft überstehen werden. So ist es kein Wunder, wenn bei einigen Fonds der Anteil von BASF, Bayer und Siemens am Fondsvermögen über fünf Prozent hinausgeht, was mit einer Ausnahmegenehmigung durchaus zulässig ist. Immerhin sagt diese keineswegs auf die ADIG beschränkte Anlagesituation aus, daß in den "blue chips" der deutschen Börse das Anlageinteresse der großen Investoren nur noch begrenzt sein kann. Es ist deshalb kein Wunder, wenn gerade diese Werte an der festen Tendenz der letzten Wochen nur wenig Anteil. hatten. Denn wer soll sie noch kaufen?