Wenn man dem "Spiegel" glauben soll, gehen wir herrlichen Zeiten entgegen. Denn nun beginnt sie ja bald wieder, die "Saison" im Kino, und sie verspricht – es stand im "Spiegel" – "so viele sehenswerte Film-Novitäten wie schon seit langem nicht mehr". Was die Jubler da arglos annoncieren, ist freilich ein handfester Skandal, und nicht erst seit 1974. Denn wenn die "Saison" in zwei, drei Wochen ernsthaft beginnt, liegt hinter dem Kinobesucher eine Durststrecke von mindestens drei Monaten und vor ihm ein höchst ungewisser Herbst.

Das Ärgernis ist nicht neu: Wenn in den Sommermonaten die Theater Ferien machen, die Konzertsäle leerstehen und die dritten Fernsehprogramme abschalten, halt auch die Kinobranche ihren Sommerschlaf. Zwischen Juni und August halten die Verleihe, zumal die vier in der Bundesrepublik operierenden Hollywood-Organisationen (CIC, Fox-MGM, Warner-Columbia United Artists) ihre neuen Produkte zurück, schaffen eine künstliche Verknappung des Angebots, um dann zur "Saison" alle attraktiven neuen Filme fast simultan auf den Markt zu werfen.

Die Nachteile dieser Praxis spüren zunächst die Kinos selber. Weil sie ihrem Publikum im Sommer kaum interessante Novitäten anbieten können, müssen sie einen Umsatzrückgang bis zu dreißig Prozent hinnehmen. Diese Zahl nennt Heinz Riedl, mit den 81 Theatern seiner UFA-Kette der mächtigste deutsche Kinobesitzer. Wie Riedl fühlen sich die meisten Kinobesitzer im Sommer von den Verleihern im Stich gelassen.

Nun sind die Sorgen der Branche nicht die des Chronisten. Doch betrifft die Narretei der Verleihfirmen nicht nur die Kinos, sondern auch und zumal das zahlende Publikum. Nicht nur müssen die Zuschauer für einige Monate auf passable oder auch nur mild unterhaltsame neue Filme verzichten, von denen ja ein Großteil längst fertig synchronisiert in den Kellern der Verleihfirmen liegt, ihnen wird durch die Borniertheit der Distributeure nicht zuletzt auch die "Saison" verdorben.

Das macht: Ab September blockieren sich die Verleihe mit der künstlich aufgestauten Vielzahl ihrer" neuen Filme gegenseitig die Starttermine in den Kinos. Etliche Filme, meist nicht die schlechtesten, erreichen so das Publikum selbst in Großstädten wie Hamburg, Köln und Frankfurt erst mit einer Verspätung von mehreren Monaten, manchmal Jahren, und gelegentlich überhaupt nicht. Das im vorletzten "Spiegel" präsentierte "Saison"-Angebot ist schiere Augenwischerei, eine schöne Fiktion, die sich nicht nur deshalb nicht erfüllen wird, weil erfahrungsgemäß Verleihe wie "Warner-Columbia" und "United Artists" etwas riskantere Ware dann doch lieber ans Fernsehen verkaufen, sondern auch auf Grund der generellen Verleihpraxis, die selbst ihre möglichen Profite einem hanebüchenen Aberglauben opfert.

In den USA laufen in diesem Sommer Filme wie Peter Bogdanovichs "Daisy Miller", Roman Polanskis "Chinatown Blake Edwards "The Tamarind Seed" und Peter Yates’ "Vor Pete’s Sake" mit großem Erfolg. In Frankreich ist es selbstverständlich, daß die Filme von Cannes spätestens im Frühsommer gestartet werden. In diesem Jahr waren es zum Beispiel Alain Resnais’ "Stavisky", Claude Lelouchs "Toute une vie" und Francis Ford Coppolas "The Conversation".

Während in fast allen Ländern attraktive neue Filme trotz Urlaubszeit und hochsommerlichen Temperaturen ihr Geschäft machen, reden sich bei uns die Verleiher, eben auf jene ominöse "Saison" fixiert, mit Hinweisen just auf den Urlaub und eine jahreszeitlich bedingte Unlust zum Filmkonsum heraus.