ARD, Montag, 12. August: "Leben mit Kommunisten", von Erika von Hornstein

Der Film war gut, der Titel irreführend. Wie die Italiener mit den Kommunisten leben, welch Ansehen die Roten in der römischen Gesellschaft genießen, ob die Loyalitätsbekundungen der KPI für bare Münze genommen werden, wieweit überhaupt antikommunistische Affekte die politischen Entscheidungen der Wähler und der anderen Parteien bestimmen – darüber erfuhr der Zuschauer nichts. Statt dessen lernte er ein paar, zum Teil weltberühmte Intellektuelle kennen, die eher zufällig in die Kommunistische Partei, aber keineswegs zufällig in deren Zentralkomitee geraten waren. (Die hohen Funktionäre wurden vor der Kamera verborgen, obschon man sich ihrer nicht hätte zu schämen brauchen.)

Wahre Musterknaben eines demokratischen Sozialismus führte uns die Schriftstellerin Erika von Hornstein vor: Professoren, Beamte, den Bürgermeister von Bologna, Künstler, ja, sogar einen geborenen Grafen. Seht, so mochte sie überlegt haben, wer so kultiviert, intelligent und geachtet ist, kann doch unmöglich ein bösartiger Mensch sein. Aber deutsche Kommunistenfresser ließen sich durch diesen Bericht sicherlich nicht beirren, zumal den italienischen Genossen zu Recht nachgesagt wurde, daß sie den deutschen Sozialdemokraten näherstehen als ihren Genossen aus SED und DKP, über die zu sprechen sich alle ZK-Mitglieder standhaft weigerten.

Wer sich neue Argumente für die wiederauflebende Debatte über den Bonner Radikalenerlaß erhofft hatte, sah sich getäuscht. Richter Petrella gab sich grundgesetztreu – er hat ohne Anfechtung fünfzehn Jahre nach einem Kodex geurteilt, den die Faschisten geschaffen hatten und der die Ärmeren benachteiligte. Die Treue zur Verfassung, die von den Kommunisten mitentworfen wurde, steht in den Statuten der Partei festgeschrieben – Kommunisten sind sogar gehalten, sich durch Treue im Amt auszuzeichnen. Nun, daran würden es auch DKP-Mitglieder im öffentlichen Dienst der Bundesrepublik nicht fehlen lassen – aber erfreuen auch sie sich in ihrer Partei jenes "gewissen Grades von Freiheit", dessen sich ihre italienischen Genossen so rühmten?

Fast schmerzlich spürbar wurde, daß die italienische und die deutsche Arbeiterbewegung unvergleichbare Größen sind. Dort reihte sich die Partei Gramscis und Togliattis in den antifaschistischen Widerstand ein und durfte sich 1945 mit der Waffe in der Hand als Befreier feiern lassen – in Deutschland gelangten die Kommunisten im Gefolge eines unbarmherzigen Siegers an die Macht. Dort suchte eine kommunistische Partei eigenständig einen friedlichen Weg zum Sozialismus und öffnete sich der Diskussion und der Kritik – hier geriet eine Bewegung, deren demokratische Regungen früh abgewürgt wurden, alsbald in mörderische Abhängigkeit von Moskau. Für die jungen Italiener, die sich damals der KPI anschlössen, stellten sich die Fragen gar nicht, die in Deutschland seit 1919 so manches Gewissen belasteten: Nation/Kirche/Demokratie oder Kommunismus – in Italien konnte man alles zugleich sein: Patriot, Katholik, Demokrat und Kommunist.

Die Autorin des Berichts und der ost-erfahrene Redakteur Jürgen Rühle stellten kluge Fragen, doch blieb ihnen, wie in diesem Medium üblich, zu wenig Zeit, um nachzubohren, wenn den Interviewten die Antworten allzu glatt von der Zunge gingen ("Reform für die Revolution", "Schöpferkraft ist immer frei" – auch unter Stalin?). Beherzigenswert bleibt der Appell der Autorin, diese Partei, deren beste Köpfe sich zum Pluralismus, zur Toleranz und zu Europa bekennen, auf ihrem mühseligen Weg der Anpassung und Selbsterkenntnis nicht allein zu lassen.

Karl-Heinz Janßen