"Anfangsschwierigkeiten einer Kur", Erzählung von Rudolf Bayr. Ein Konsumenten-Zauberberg im Zeitalter der allgemeinen Sozialversicherung: der Privatpatient hat seine Schwierigkeiten mit Amtsarzt, Gutachten, Warteliste, Einweisung, mit dem Vokabular der Verwaltungsbürokratie, mit dem er prüfend spielt – in Abwehr, Selbstgewißheit, Kristallisation persönlicher Erinnerungen. Herr Melchior soll sich wegen seiner Erschöpfungszustände einer Kur unterziehen, aber der Übergang von einem zum anderen Leben ist nicht leicht; und da er sich, wie ein Anti-Held altmodischer russischer Geschichten, als überflüssiger Mensch" bezeichnet, sucht er der Gesellschaft der anderen Sanatoriumsgäste zu entgehen und lügt sich selber vor, er suche "glatte, gebügelte Tage". Eine Frau, die er auf dem Parkplatz sieht, beschäftigt seine Gedanken und Erwartungen, aus zufälligen Begegnungen wird eine Begegnung in ihrem Zimmer – er, auf der Flucht vor Krankheit, Alter und Tod, sieht sich einer Frau gegenüber, die von ihrer unheilbaren Krankheit weiß und keine Hilfe mehr will als den Trost, den ihr "das kleine schwarze Kleid" gibt und ihr kosmetisches Beauty Case, mit dem sie "ihr Gesicht gestoppt hat"; und noch am nächsten Morgen reist Herr Melchior auf und davon. Das klingt wie eine klassische Novelle, die sich auf den Augenblick einer Grenzsituation zuspitzt, aber Rudolf Bayr sucht die epische Brechung und das Indirekte, die das Klassische kunstvoll verdecken. Der Streit des Bewußtseins mit der Sprache, die allzu rasch festlegen will, überspielt die bloße Chronik der Geschehnisse; Zitate aus Handbüchern, Soziologenjargon und Badeprospekten relativieren den privaten Assoziationsstrom; die Landschaft selbst, grauer Schnee, "Vorfrühlingsgrind" im trügerischen Februar, und die Szenerie des Sanatoriums, "von hinten gesehen Personalaufzug, Notaggregate, Schweißgeruch aus dem schwarzen Pullover der Kellnerin, arbeiten dem Melodramatischen entgegen. Motive aus Thomas Bernhards metaphysischer Landschaft? Ja, aber auch der Glaube daran, was ein Erzähler noch tun kann: Die medizinische Kur hat ein Ende, ehe sie noch begonnen, aber die andere Schocktherapie, unabwendbare Einsicht darin, "wie sich Leben verwüstet", nimmt in der stockenden Beichte des Kurgastes, der gar keiner sein will, ihren heilsamen Fortgang – als Katharsis des Lesers. (Residenz Verlag, Salzburg, 1973; 87 S., 9,80 DM.) Peter Demetz

"Lexikon der antiken Mythologie", von Edward Tripp. Angesiedelt in der Mitte zwischen Nachschlagewerk und Lesebuch, zugeschnitten auf die Interessen eines nichtspezialisierten Benutzers, mit zutreffenden Bildbeigaben versehen und durch Karten übersichtlich ergänzt, so präsentiert sich Tripps Lexikon als handlicher, brauchbarer Band. Er bezieht Sternbilder in seine Darstellung ebenso ein wie Kulte und Kultorte, gibt Quellenhinweise und legt Varianten in der Tradition offen vor. Die Behandlung beschränkt sich auf den antiken Bereich; wer über das Weiterleben dieser Gedanken und Gestalten informiert werden möchte, muß weiterhin zu Herbert Hungers Lexikon oder zu Betty Radices "Who is who in the Ancient World" greifen. Doch wird in Tripps unverstellt nacherzählender Darbietung der griechischen Quellen grade jener Geist gut spürbar, der sich in der Prägung jener nun schon durch hundert Generationen tradierten Mythen aussprach: zu Bildern geronnene Erfahrungen und Einsichten der ersten Europäer, prägnante Chiffren, teils offen, teils heimlicher präsent. Sie zu erkennen ist Selbsterkenntnis. (Aus dem Englischen von Rainer Rauthe; Reclam Verlag, Stuttgart, 1974; 560 S., Abb., 45,– DM.)