ZDF, Montag, 12. August: "Reklamationen: Ladenschluß – ein Tabu?"

Zwei Diskussionsleiter, neun Diskussionsteilnehmer, etwa ebensoviel Gefragte aus dem Publikum – das gibt mindestens zwanzig Menschen, die aufgerufen waren, in einer Dreiviertelstunde möglichst Wesentliches über den seit 1956 gesetzlich vorgeschriebenen Ladenschluß mitzuteilen. Statistisch hatte also jeder nicht einmal ganz zwei Minuten Zeit, wenn man die Filmnotizen über Ladenschlußgebräuche in andern Ländern dazurechnet. Das ergab einen zwar niemals langweiligen, aber etwas atemlosen und natürlich flüchtigen Diskussionsgalopp, bei dem niemand durchs Ziel ging: kein Sieger, nur lauter Unterlegene, von denen sich manche siegreich vorkamen.

Das Ergebnis dieser Meinungserkundung zu dem mittlerweile fast zwanzig Jahre alten, dringend reformbedürftigen Gesetz war so verschieden wie die Interessen, die die Diskutierenden vertraten. Immerhin waren deutlich zwei Gegner auszumachen: auf der einen Seite die Verbraucherausschüsse aller Bundestagsfraktionen, die sich in bemerkenswerter Einigkeit um die Liberalisierung (nicht die Abschaffung) des Ladenschlußgesetzes bemühen – auf der anderen Seite die Einzelhändler und die Gewerkschaften, die mit einem noch seltsamer anmutenden Einverständnis am Gesetz gar nicht erst rütteln lassen wollen. Die Ärzte bedachten den Streß der vielen arbeitenden Hausfrauen und ihre Hatz beim Einkauf; die Verkehrsexperten möchten mit einem gleitenden Ladenschluß die "Verkehrsspitzen entzerren" und die Anfälligkeit für Unfälle vermindern.

Was diese hektische Bestandsaufnahme von Meinungen zu einem anfechtbaren Gesetz offenbarte, war vor allem das vorsätzliche Mißverständnis, die Liberalisierung des Gesetzes bedeute seine Aufhebung, also den Verlust der sozialen Errungenschaften, die es verbürgt. Einer sagte es so: Wir wollen am Freitagabend auch den "Komissar" sehen können. Allerdings dachte in der Eile niemand daran, das nämliche auch für Lokomotivführer, Rundfunksprecher, Wachleute, Schichtarbeiter, Nachtapotheker zu verlangen.

Manfred Sack