Trotz Kissinger-Kontinuität: gewandelte außenpolitische Perspektiven

Von Theo Sommer

Der Anfang des neuen amerikanischen Präsidenten war so nobel wie der Abgang seines unglückseligen Amtsvorgängers schimpflich.

Gerald Ford hat einen neuen Ton angeschlagen. Der Akzent des mittelwestlichen Mais-und-Bibel-Gürtels ist unüberhörbar. Rechtschaffenheit kennzeichnet Fords Rede, Biedersinn sein Beginnen. "Wahrheit ist der Leim, der unsere Regierung zusammenhält" – welch Absage an die Watergate-Mentalität könnte härter sein? "Unser langer nationaler Alptraum ist vorüber; unsere Verfassung funktioniert; in unserer großen Republik herrscht das Recht, nicht irgendein einzelner" – wie ließe sich eindeutiger der Stab brechen über Richard Nixon, der seine Herrschaft über die Gesetze zu stellen trachtete und der versuchte, den Gerichten in den Arm zu fallen? "Verbindung, Versöhnung, Kompromiß, Kooperation, Glaube an die Notwendigkeit einer freien Presse" – wie könnte der neue Mann entschiedener dem Regime des alten den Rücken kehren, dessen Kontaktarmut, Geheimniskrämerei und Verfolgungswahn, seinen Mafia-Praktiken und seinem Haß auf Presse und Fernsehen?

Richard Nixon aber, nach 2026 Regierungstagen aus dem Weißen Haus getrieben vom Fluch seiner eigenen Taten, ist genauso abgetreten, wie John F. Kennedy es einst hellseherisch prophezeit hatte: "ohne Eleganz". Noch im Abgehen verstrickte er sich in neue Lügen.

Kleine Lügen wie die, daß über seine Mutter – "eine Heilige" – nie ein Buch geschrieben würde. Das Buch gibt es längst. Große Lügen wie jene, daß kein Mitglied seiner Administration sich im Amt bereichert habe. Dabei sind die dollarprallen gelben Umschläge, deretwegen Vizepräsident Agnew vor einem Dreivierteljahr seinen Sessel räumen mußte, so unvergessen wie eine Reihe aktenkundiger Vorgänge, die Nixon selber betreffen: die Verschönerung seiner Privatbesitztümer auf Staatskosten, die Steuerhinterziehung, die unaufgeklärten Zuwendungen, in denen der Watergate-Einbruch letztlich seine Ursache zu haben scheint.

Schließlich die ganz große Lüge, vielleicht der ganz große Selbstbetrug: daß er Fehler begangen habe, Unterlassungssünden auch, und daß gewiß Fehlurteile auf sein Konto gingen. Aber nicht ein einziges Wort, daß er in der Tat high crimes and misdemeanors sich hat zuschulden kommen lassen, Amtsvergehen, die seine Absetzung durch den Kongreß unabwendbar gemacht hatten. Kein Schuldgeständnis, keine Reue, nicht einmal Mitleid mit den vielen Paladinen von ehedem, die er ruiniert hat. Statt dessen Sentimentalitäten über Wagemut und Scheitern, die eitle Unterstellung, er sei "in großem Wagnis" kühn fehlgeschlagen, die alte Begriffsstutzigkeit und Heuchelei.