Es wäre "verwunderlich und beschämend, schlüge auch er fehl" – so die ZEIT im Oktober 1963 über den zweiten Versuch, den englischen Autor Malcolm Lowry in Deutschland einzubürgern. Damals hatte der Rowohlt Verlag sein Hauptbuch, den Roman "Unter dem Vulkan", neu übersetzen lassen. Der Klett Verlag hatte sich schon 1951 mit einer ersten Übersetzung für den damals kaum bekannten, in Kanada lebenden Autor eingesetzt. In den Briefen des 1957 an einer Überdosis von Beruhigungstabletten – offiziell durch Unfall – gestorbenen achtundvierzigjährigen Dichters wird Ernst Klett gerühmt; das Honorar aus Deutschland war für den fast mittellosen Lowry ein Ereignis.

Heute gilt "Unter dem Vulkan" in der englisch und französisch sprechenden Welt als ein Schlüsselepos, als eine der hervorragenden Prosadichtungen unserer Zeit. Hätte aber Malcolm Lowry in seinem Todesjahr diesen Roman in einer Buchhandlung kaufen wollen, er hätte nur die deutsche oder französische Ausgabe gefunden. Im Original stand sein Buch – viermal ganz umgeschrieben, von einem Dutzend Verlagen abgelehnt, dann (beide Nachrichten erreichten Lowry am gleichen Tag) von einem amerikanischen und einem englischen Verleger angenommen – in den USA, einige Wochen auf der Bestsellerliste, wurde von der Kritik gepriesen, später von zwei weiteren amerikanischen Verlegern neuaufgelegt, noch später verramscht und war dann völlig verschwunden.

Jetzt ist "Unter dem Vulkan", als Taschenbuch diesmal, zum zweitenmal bei Rowohlt erschienen, mit dem ausgezeichneten Nachwort von Rudolf Haas; es ist ein dritter Anlauf. Gleichzeitig ist Lowry Gegenstand eines Sonderheftes von "Lettres Nouvelles", der Zeitschrift des Kritikers Maurice Nadeau, der an der Entdeckung Lowrys einen frühen und großen Anteil hatte, und die schon 1960 dem gleichen Autor ein schnell vergriffenes Sonderheft widmete. Allein in diesem Jahr sind auf englisch zwei Werke über Lowry erschienen, eines in den USA – die großangelegte "Biographie" von Douglas Day –, eines in Kanada; mindestens sieben andere Bücher, von den vielen Dissertationen gar nicht zu reden, sind Lowry in den letzten Jahren gewidmet worden.

Kultobjekt und Gegenstand der Kulturindustrie ist Malcolm Lowry vor allem in Amerika geworden. Unter der Verantwortung seiner Witwe, Margerie Lowry, die seine geistig nahe Gefährtin und Mitarbeiterin war, ist neben den Novellen – von ihnen ist 1965 ein inzwischen vergriffener Band bei Rowohlt herausgekommen ("Hör uns, o Herr...") – neben Gedichten, Briefen, dem Bericht über die Internierung in einer Irrenanstalt ("Lunar Caustic") 1968 ein weiterer großer Roman erschienen, "Dunkel wie das Grab, worin mein Freund liegt", aus der Hälfte eines 700 Seiten langen Manuskripts destilliert, in einer Weise, die den jungen kanadischen Kritiker Matthew Corigan in der Zeitschrift "Encounter" zu heftigem Protest veranlaßt hat, denn in Spekulation auf den Ruhm Malcolm Lowrys und auf die Bedürfnisse des Markts wurde hier einem Fragment aus Tagebüchern, Reflexionen, Phantasie mit Gewalt eine Form gegeben, die nicht mehr authentisch ist.

In einem Brief Lowrys wird von einer Begegnung mit Dylan Thomas berichtet, in der beide über Scott Fitzgerald sprachen. So finden sich hier die Namen dreier großer, durch Alkoholismus früh zerstörter Schriftsteller beisammen. Lowrys Leben stand im Zeichen der Trunksucht; seine künstlerische Selbstverwirklichung hat er einem Drang zur Selbstvernichtung abgerungen. Enkel eines Schiffskapitäns, Sohn eines Kaufmanns aus Liverpool, war er sehr jung auf Frachtern nach China gereist, Melville, Joseph Conrad, Jack London waren ihm Vorbilder und der ältere Dichter Conrad Aiken sein Freund und Mentor. Er studierte in Cambridge Literatur, lebte in Paris, in Mexiko, im nördlichen Kanada unter schweren Umständen. In neun Jahren Arbeit schrieb er die vier Fassungen von "Unter dem Vulkan", jenes Buchs, auf dem sein Ruhm gründet, auch wenn seine übrigen Schriften lesenswert, zum Teil großartig sind, angefangen mit dem Seemannsbuch "Ultra-Marine".

Es gibt bei Lowry einen Genuß am hintersinnigen Wortspiel, der an Joyce erinnert, dessen "Ulysses" Lowry jedoch erst sehr spät gelesen hat. Lowry hat viel von seinem eigenen Leben in den Roman gesteckt – der "Konsul", an dessen letzten zwölf Stunden wir teilnehmen, ist ein Alkoholiker wie der Autor, und des Konsuls Stiefbruder ist stets mit einer Ukulele unterwegs, versucht sich in Jazzkomposition – ebenfalls wie der Autor.

Der Rhythmus des Jazz der zwanziger Jahre, die Welt des Films spielen eine größere Rolle als die Beziehungen zu Dante und vor allem jene zur Kabbala. Daher ist es mehr eine Kuriosität, wenn "Unter dem Vulkan" von der Amerikanerin Perle Epstein – sie stammt von dem berühmten, den Lesern Martin Bubers vertrauten Rabbi Baal Schem-Tov ab – ganz im Zeichen der Kabbala gedeutet wird, die doch nur eines der Interessen-Zentren des Dichters war, nicht sein Wegweiser. Die politischen Hintergründe – Spanienkrieg, Faschismus, Beginn des Weltkrieges, mexikanische Agrarreformen – sind ebenso bedeutend wie die philosophischen und mystischen. Lowrys Roman lebt nicht davon, daß sein Autor vielerlei hineingeheimnist hat, sondern daß er einen Stil, eine Darstellungsweise geschaffen hat, die sein Werk unvergleichbar machen.