Von Peter Marchal

Wenn nicht alles täuscht, so hat die Opposition in Bonn bereits heute vor, im Bundestagswahlkampf 1976 das Stichwort vom "Geburtenfiasko" zu einer ihrer wichtigsten Parolen zu machen. Zwei Argumente dürften die Unionsparteien dazu bewegen: Zum einen könnten sie wieder in die Angstkerbe hauen (Bevölkerungsrückgang als nationale Katastrophe), zum anderen hat die Bonner Koalition hier eine Schwachstelle (weil sie kaum etwas dagegen tun kann).

Streit über die Fakten gibt es kaum, um so mehr aber über die Ursachen und politischen Folgerungen. Die Fakten: Die Zahl der Geburten geht in der Bundesrepublik immer stärker zurück, mehr noch: Unter allen Industrieländern bildet die Bundesrepublik seit einigen Jahren das bevölkerungspolitische Schlußlicht. Während 1964 noch 1 065 000 Geburten gezählt wurden, waren es 1973 nur noch 632 000. Die frühere Vorausschätzung der Bundesregierung von 1966 wurde vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden als allzu optimistisch widerlegt. Seine Schätzung für das Jahr 2000: eine (west-)deutsche Bevölkerung von 57 Millionen. Zur Zeit hat die Bundesrepublik knapp 62 Millionen Einwohner.

Die Baseler Prognos AG erwartet bis 1985 einen Rückgang der Bevölkerung der Bundesrepublik um rund eine Million auf 61 Millionen. Diese Schrumpfung hat auch ihre Vorteile: Wegen des immer knapper bemessenen Nachwuchses prophezeien die Prognose-Experten schon von 1980 an geringere Infrastrukturausgaben; noch vorhandener Mangel an Kindergärten, Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen werde sozusagen von selbst behoben – durch die Schrumpfung der Bevölkerung.

Der Wendepunkt war das Jahr 1972. Damals kippte die Bevölkerungsentwicklung um: an die Stelle eines (wenn auch geringen) Geburtenüberschusses trat erstmals ein Sterbeüberschuß von 30 050. Davon alarmiert ordnete der damalige Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher im März 1973 per Erlaß die Errichtung eines Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung an. Wichtigste Aufgabe des Wiesbadener Instituts sind Untersuchungen über:

  • die Veränderungen, die durch den Geburtenrückgang für das Arbeitskräftepotential zu erwarten sind;
  • Auswirkungen des Geburtenrückgangs auf das System der gesetzlichen Rentenversicherung der Bundesrepublik;
  • die wirtschaftliche Bedeutung des Kindergeldes für die Familie;
  • die Problematik eines Ausgleichs des Bevölkerungsdefizits durch die Aufnahme ausländischer Arbeitskräfte.

In dieser Aufgabenstellung des neugegründeten Instituts spiegeln sich die wichtigsten sozial- und gesellschaftspolitischen Probleme, die der Geburtenrückgang mit sich bringt. Während der letzte Punkt nicht mehr zur Debatte steht, seit Bonn im vergangenen November den Gastarbeiterstopp verhängte, steht doch fest, daß die Bundesrepublik es den Kindern der hier beschäftigten ausländischen Arbeitnehmer zu verdanken hat, daß bislang die Bevölkerungsstatistik den Rückgang des deutschen Bevölkerungsteils nicht voll erkennen läßt.